Anmerkungen und Literatur
Anmerkungen
- Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus. Bd. 2, S. 375.
- Herman Gorter, Offener Brief an den Genossen Lenin, in: A. Pannekoek, H. Gorter, Organisation und Taktik der proletarischen Revolution. Frankfurt 1969, S. 178.
- Pannekoek, Weltrevolution und Kommunistische Taktik, in: ebd., S. 159.
- Ebd. S. 131ff.
- Antonio Gramsci, Philosophie der Praxis. Eine Auswahl, hrsg. von Christian Riechers, Frankfurt/M. 1967.
- Karl A. Wittfogel, Die Orientalische Despotie. Frankfurt/M. Berlin Wien 1977, S. 261.
- Ebd., S. 250 - 251.
- Karl Marx, Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. Berlin 1977.
- Ebd., S. 81.
- Rudi Dutschke, Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Berlin 1974, S. 55ff.
- Eine kurze, aber treffende Zusammenfassung der Kritiken an Dutschkes Position gibt Marcel van der Linden, in: Von der Oktoberrevolution bis zur Perestroika: der westliche Marxismus und die Sowjetunion, Frankfurt/M. 1992, S. 177ff.
- Dutschke, a.a.O., S. 55.
- Geschichte der UdSSR in drei Teilen. Teil I, Köln 1977, S. 22.
- Z. (Zeitschrift Marxistische Erneuerung), Nr. 12, Dezember 1992, S. 34 - 54. Der Beitrag von Michael Schneider besitzt die Originalität, alle Argumente und Schlußfolgerungen Dutschkes zu wiederholen und dies als neue Erkenntnis über einen niemals vorhandenen Sozialismus in der UdSSR zu verkaufen. Ernsthafter ist die Arbeit von J. Kuczynski, Asche für Phönix, Köln 1992. Kuczynski unterstellt, daß der Sozialismus im 20. Jahrhundert ebenso wie das römische Kolonat und die oberitalienischen Städte "Frühformen" der jeweils anstehenden neuen Gesellschaftsformation gewesen seien, die der noch immer vorhandenen Stärke der alten Weltordnung unterlagen. Unbewiesen und m. E. falsch ist Kuczynskis Annahme, daß es vom römischen Kolonat einen direkten Weg zur Feudalität gegeben habe. Ebenso führte von den oberitalienischen Städten kein direkter Weg zum modernen Kapitalismus. Im Gegenteil, die Niederwerfung der frühkapitalistischen Städte der Feudalgesellschaft war eine der Voraussetzungen der Entstehung der modernen Nationalstaaten Europas. Beide Erscheinungen, das Kolonat und die frühkapitalistischen Städte, so bedeutsam beide in ihren jeweiligen Zeitabschnitten waren, bildeten doch letztendlich Sackgassen der gesellschaftlichen Entwicklung. Ihre Überwindung war jeweils Voraussetzung der europäischen Modernisierung.
- Marx, Engels, Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3, Berlin (DDR) 1983, S. 64f.
- Ebd., S. 24.
- "Dafür, daß die deutschen Barbaren die Römer von ihrem eigenen Staat befreiten, nahmen sie ihnen zwei Drittel des gesamten Bodens und teilten ihn unter sich. Die Teilung geschah nach der Gentilverfassung; bei der verhältnismäßig geringen Zahl der Eroberer blieben sehr große Striche ungeteilt, Besitz teils des ganzen Volks, teils der einzelnen Stämme und Gentes. In jeder Gens wurde das Acker- und Wiesenland unter die einzelnen Haushaltungen zu gleichen Teilen verlost; ob in der Zeit wiederholte Aufteilungen stattfanden, wissen wir nicht, jedenfalls verloren sie sich in den Römerprovinzen bald, und die Einzelanteile wurden veräußerliches Privateigentum, Allod. (...) Je länger die Gens in ihrem Dorfe saß und je mehr Deutsche und Römer allmählich verschmolzen, desto mehr trat der verwandtschaftliche Charakter des Bandes zurück vor dem territorialen; die Gens verschwand in der Markgenossenschaft." Engels, Der Ursprung der Familie des Privateigentums und des Staates. MEW Bd. 21, S. 145/46.
- "Die freien grundbesitzenden Bauern, die Masse des fränkischen Volks wurden durch die ewigen Bürger- und Eroberungskriege, (...) ganz so erschöpft und heruntergebracht wie früher die römischen Bauern in den letzten Zeiten der Republik. Sie, die ursprünglich das ganze Heer und nach der Eroberung Frankreichs dessen Kern gebildet hatten, waren am Anfang des neunten Jahrhunderts so verarmt, daß kaum noch der fünfte Mann ausziehen konnte. An die Stelle des direkt vom König aufgebotenen Heerbanns freier Bauern trat ein Heer, zusammengesetzt aus den Dienstleuten der neuaufgekommenen Großen (...). Nach der Eroberung des Römerreichs bildeten diese Gefolgsleute der Könige neben den unfreien und römischen Hofbedienten den zweiten Hauptbestandteil des späteren Adels." Ebd., S. 139/140 und 149.
- "Die griechische und römische Stadt der Antike öffnet sich zum Land hin, das gegenüber der Stadt keine untergeordnete Rolle spielt. (...) Die mittelalterliche Stadt gehört zum Typ einer geschlossenen Stadt; sie ist eine Einheit für sich, ein winziges kleines ´Vaterland´. Wenn man ihre Festungsanlagen passiert, so hat das die gleiche Bedeutung, als wenn man heute die Grenzen eines schwer zugänglichen Landes überschreitet. Auf der anderen Seite der Grenze befindet man sich unter dem Schutz der Stadt. Der Bauer, der sein Land verläßt und sich in die Stadt begibt, wird dort sofort ein anderer Mensch: Er ist frei, d. h. von seinem Frondienst und der verhaßten Knechtschaft entbunden (...)" Braudel, F., Die Geschichte der Zivilisation, München 1971, S. 603/604.
- Roger Portal, Die Slawen. München 1971, S. 41 (Hervorhebung von mir, A. S.).
- Richard Pipes, Rußland vor der Revolution. München 1984, S. 35-36.
- Ebd., S. 25-26.
- Zum Charakter der bäuerlichen Familie in Westeuropa schreibt Georges Duby: "Die Strukturen der bäuerlichen Familie sind schwer auszumachen. Die aufschlußreichsten Hinweise stammen aus der Karolingerzeit. In den Inventarien der Grundherrschaften werden häufig und mit großer Sorgfalt alle diejenigen Personen aufgezählt, die auf den abhängigen kleinen Höfen lebten. Sie vermitteln das Bild von Familien, die sich jeweils auf Vater, Mutter und Kinder beschränkten. Manchmal gehörten auch unverheiratete Brüder und Schwestern dazu, aber nur selten entferntere Verwandte. Die verheirateten Söhne gründeten wahrscheinlich meistens ein eigenes Heim. (...) Dennoch scheint es ausgeschlossen, für diese Zeit die Existenz zahlenmäßig großer, nach patriarchalischem Muster organisierter Familienverbände anzunehmen. In ihrer Größe unterscheiden sich die damaligen Bauernhaushalte wahrscheinlich kaum von denen, die heutzutage in Europa überall dort zu finden sind, wo sich die traditionellen ländlichen Strukturen erhalten haben." (Georges Duby, Krieger und Bauer. Die Entwicklung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft bis um 1200. Frankfurt/M. 1977, S. 47.)
Während Duby die bäuerliche Kleinfamilie als agrarische Produktionseinheit für den europäischen Westen bereits zur Karolingerzeit belegen kann, wird in Rußland noch 1861 bei der sog. Bauernbefreiung von der patriarchalisch strukturierten bäuerlichen Großfamilie ausgegangen. "Der traditionelle Typus der bäuerlichen Familie in Rußland, wie er bis vor einem Jahrhundert vorherrschend war, war die sogenannte Großfamilie; sie bestand aus Vater, Mutter, Kindern und verheirateten Söhnen mit deren Frauen und Nachwuchs. Ihr Oberhaupt (...) war fast immer der Vater (...), seine Autorität, ursprünglich aus dem Gewohnheitsrecht abgeleitet, erhielt in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts juristischen Status, als die ländlichen Gerichte bei Rechtsstreitigkeiten innerhalb der Familie sein Urteil als bindend anerkannten. Alles war Gemeinbesitz." (Pipes, a.a.O., S. 26/27.)
- Pipes, a.a.O., S. 19.
- "Während bei Cäsar die Deutschen teils eben erst zu festen Wohnsitzen gekommen sind, teils noch solche suchen, haben sie zu Tacitus` Zeit schon ein volles Jahrhundert der Ansässigkeit hinter sich; dementsprechend ist der Fortschritt in der Produktion des Lebensunterhalts unverkennbar." Engels, MEW Bd. 21, S. 137.
- "Wenn es vorher" (gemeint ist vor dem Ende des 12. Jahrhunderts, A. S.) "eine Perfektionierung gegeben hat, so bezieht sie sich auf das Werkzeug selbst, auf das wichtigste Rüstzeug, das dem Bauern für die Bearbeitung des Bodens zur Verfügung stand (...). Was die Entwicklung der Technik angeht, so steht die Vermutung, daß der Pflug perfektioniert wurde, gewiß im Zentrum dieser quellenarmen Zeit der Landwirtschaftsgeschichte. Zunächst einmal können wir annehmen, daß die Stärke des Gespanns, das den Pflug zu ziehen hatte, zunahm. (...) Hinzu kommt, daß im Laufe des 11. Jahrhunderts mit Sicherheit auch bessere Methoden zum Einspannen der Zugtiere entwickelt wurden. So wurde etwa das Stirnjoch für die Ochsen erfunden, mit dessen Hilfe ihre Zugkraft besser genutzt werden konnte. Schließlich beschlossen die Landwirte einiger Provinzen, für die Ackerarbeit Pferde statt Ochsen zu verwenden. (...) Der Vorteil der Pferde war ihre Schnelligkeit. Spannte man sie vor den Pflug, ging die Bodenbearbeitung wesentlich rascher voran, so daß die Pflugarbeit vermehrt und zugleich das Eggen als neue Praxis eingeführt werden konnte. (...) Es ist anzunehmen, daß der Pflug selbst während dieser Zeit (...) ebenfalls technische Verbesserungen erfahren hat. Zu der bloß aus Holz bestehenden Konstruktion der Karolingerzeit kamen Eisenelemente hinzu, die die Wirkung der entscheidenen Teile, des Pflugmessers, der Schar und des Streichbretts, wesentlich erhöhten. Nach dem Jahr 1000 sind die Fortschritte der Metallurgie in ganz Europa nicht mehr zu übersehen." (Duby, a.a.O., S. 252ff.)
Während Duby hier sehr vorsichtig und zurückhaltend bei der Darstellung des technischen Fortschritts formuliert, sind die entsprechenden Ausführungen in der DDR-Geschichtsschreibung bestimmter. "Immerhin kann es als sicher gelten, daß der schon (...) um die Mitte des 1. Jh.s erwähnte 'plaumorati', der Räderpflug, zum schweren Bodenwendepflug mit Streichbrett weiter verbessert und vervollkommnet, mit Sech oder Kolter und Eisenschar versehen, seit dem 8./9. Jh. in Nordwesteuropa zwar häufiger auftrat, den leichteren und weniger komplizierten Wühl- und Hakenpflug aber bloß langsam verdrängte. Gegenüber dem einfachen alten Haken, der den Boden nur recht oberflächlich durchwühlte, bot der Wendepflug manche Vorteile. (...) Bald blieb daher den weniger komplizierten Geräten vorwiegend die Bearbeitung der älteren, leichteren Kulturböden überlassen, während der schwere Wendepflug vor allem bei der Kultivierung und Melioration neuer, bisher unangebauter Flächen unschätzbare Dienste leistete.
Aber der schwere, tiefergehende Pflug erforderte auch eine sehr viel höhere Zugleistung und folglich einen größeren Zugviehbestand sowie die gründlichere Ausnutzung der Leistungskraft der Tiere. Die Verbreitung des schweren massiven Wendepflugs mit Radvorgestell hatte deshalb zumeist den Übergang zu einer veränderten Anspannungsmethode, der Kummetanschirrung zur Folge, die zwischen Rhein und Elbe seit dem 10. Jh. häufigere Anwendung fand und überhaupt erst die Einbeziehung des Pferdes in das Wirtschaftsleben der feudalen Gesellschaft gestattete." (Stern, L., Deutschland in der Feudalepoche von der Mitte des 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, Berlin (DDR) 1978, S. 19/20.
- Ebd.
- Marx, Geheimdiplomatie, a.a.O., S. 80.
- Valentin Gitermann, Geschichte Rußlands. Band I, Hamburg 1949, S. 37.
- Ebd., S. 76.
- Insofern weist der "Kiewer Rus" Parallelen (sowohl inhaltlich wie zeitlich) mit den islamisch-arabischen Staatsgründungen auf. Siehe dazu: Maurice Lombard, Blütezeit des Islams. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte des 8. - 11. Jahrhunderts. Frankfurt/M. 1992.
- Giterman, a.a.O., S. 87.
- Portal, a.a.O., S. 62-63.
- Otto Hintze, Staat und Verfassung. Göttingen 1962, S. 89f.
- Ebd., S. 90.
- Ebd., S. 92.
- Portal, a.a.O., S.62.
- Günther Stökl, Russische Geschichte. Stuttgart 1990, S. 82.
- "Der Kriegsführer, der sich einen Ruf erworben, versammelte eine Schar beutelustiger junger Männer um sich, ihm zu persönlicher Treue, wie er ihnen, verpflichtet. Der Führer verpflegte und beschenkte sie, ordnete sie hierarchisch; eine Leibgarde und schlagfertige Truppe zu kleineren, ein fertiges Offizierkorps für größere Auszüge. Schwach wie diese Gefolgschaften gewesen sein müssen und auch z. B. bei Odovaker in Italien später erscheinen, so bildeten sie doch schon den Keim des Verfalls der alten Volksfreiheit und bewährten sich als solche in und nach der Völkerwanderung. (...) Sie (konnten), wie schon Tacitus bemerkt, zusammengehalten werden nur durch fortwährende Kriege und Raubzüge. Der Raub wurde Zweck. Hatte der Gefolgsherr in der Nähe nichts zu tun, so zog er mit seiner Mannschaft zu anderen Völkern, bei denen es Krieg und Aussicht auf Beute gab (...)." Engels, F., MEW Bd. 21, S. 139. So ging der Kiewer Staatsgründung durch die Normannen zuerst die fortgesetzte Plünderung der Handelsstraße durch die späteren Staatsgründer voraus. Aus der Plünderung erwuchs der ständige Tribut für den militärischen Schutz dieser Handelsverbindung, aus dem Schutz der Handelsverbindung die Herrschaft über die Fernhandelsstädte, deren Gesamtheit das "Reich der Städte" - bezeichnenderweise ein normannischer Begriff - den Staat des "Kiewer Rus" ausmachte.
- Marx, Geheimdiplomatie, a.a.O., S. 79.
- "Aus den Rechtsdenkmälern des Kiewer Reiches erfahren wir, daß der Besitz an Grund und Boden neben dem Handel immer größere Bedeutung gewann, sowohl für den Fürsten selbst als auch für seine Gefolgschaft. Ein Feudalsystem wie im Westen ging daraus jedoch nicht hervor, schon weil der Grundbesitz uneingeschränkt erblich und nicht an den Dienst bei einem bestimmten Fürsten gebunden war. Beim Wechsel des Dienstverhältnisses konnte der Angehörige der 'druzina' (Gefolgschaft, A. S.) und später der Bojare auch seinen Grundbesitz mitnehmen, was erst die Moskauer Zaren mit drakonischen Maßnahmen unterbanden." (Irene Neander, Russische Geschichte in Grundzügen. Darmstadt 1988, S. 29/30.)
- Zur Entwicklung der agrarischen Produktionsinstrumente und ihren Auswirkungen auf die soziale und politische Lage der Bauernschaft siehe: Duby, a.a.O., S. 255ff.
- "Nach wie vor bleibt das Problem bestehen, ob die Mongolenherrschaft wirklich die entscheidende Ursache für die wirtschaftliche und politische Spätentwicklung des Landes gewesen ist. Für den Verfall des Staats von Kiew sind die Mongolen nicht verantwortlich zu machen. Was aber das Schicksal des neuen Fürstentums Susdal-Wladimir" (aus dem der spätere Moskauer Staat hervorging) "angeht, so ist nicht mit Sicherheit zu behaupten, daß es ohne die Mongolen günstiger verlaufen wäre. Die Besetzung der Steppen durch die Mongolen, die einen Teil des russischen Volkes zwang, auf verhältnismäßig beschränktem Raum, noch vermehrt durch Flüchtlinge zu siedeln und damit seine Bevölkerungsdichte zu verstärken, hat die günstigsten Voraussetzungen für eine Staatsgründung geschaffen. Schließlich hat die Autorität des Khans den Auflösungstendenzen, die aus den gegenseitigen Kämpfen der Fürsten resultierten, entgegengewirkt, indem er die Politik der Fürsten von Wladimir stützte." (Portal, a.a.O., S. 80/81) Obwohl Portal die Bedeutung der mongolischen Steuer für die Moskauer Staatsgründung unzureichend erkennt, muß auch er einen positiven Einfluß der Mongolen auf die neuerliche (Moskauer) Staatsgründung zugestehen.
- Geschichte der UdSSR. Bd. I, a.a.O., S. 62.
- Hintze, a.a.O., S. 99.
- Stökl, a.a.O., S. 147/148.
- Ebd.
- Hintze, a.a.O., S. 99.
- Giterman, a.a.O., S. 87.
- "Die Städte, die im Kiewer Reich eine so große Rolle gespielt hatten, waren hier im Nordosten ohnehin meist fürstliche Gründungen ohne bedeutende eigene Rechte und Funktionen. Sofern sie noch aus alter Zeit stammten, waren sie durch Zerstörung und Niedergang des Handels so geschwächt, daß sie dem Fürstenhader keine eigenen Kräfte entgegensetzen konnten." Neander, a.a.O., S. 50/51.
- "Die Unterwürfigkeit gegenüber der Goldenen Horde brachte den Moskauer Fürsten manchen persönlichen Gewinn gegenüber ihren russischen Rivalen, aber letztlich auch Vorteile für das ganze Land. Vor allem aber wurde dadurch, daß Iwan I. von Moskau (1328-41) das alleinige Recht zur Eintreibung des Tributs für den Tatarenchan erhielt, den Übergriffen einzelner Häuptlinge und willkürlichen Einfällen tatarischer Horden auf russisches Gebiet eine Schranke gesetzt. Die Steuerlast wurde dadurch zwar nicht geringer und Iwan unterließ es dabei nicht, die anderen Länder stärker heranzuziehen als sein eigenes (...).
Die Mehrung ihrer 'Hausmacht' gelang den Moskauer Fürsten sogar weitgehend ohne kriegerische Verwicklungen. Aus den Tributeinnahmen Iwans I. mag gut ein Teil in seine eigene Kasse geflossen sein, was ihn und seine Nachfolger in den Stand setzte, Ländereien, ja ganze Städte zu kaufen, andere erhielten sie als Erbschaft oder Heiratsgut." Neander, a.a.O., S. 52/53. Neander gibt hier, wie in weiten Teilen ihres Buches, eine beschönigende und rechtfertigende Darstellung des Moskauer Zarentums.
- Marx, Geheimdiplomatie, a.a.O., S. 81.
- Giterman, a.a.O., S. 88.
- Stökl, a.a.O., S. 146.
- Pipes, a.a.O., S. 59.
- Ebd., S. 97.
- Ebd., S. 61.
- Stökl, a.a.O., S. 236.
- Pipes, ebd. S. 159.
- Ebd., S. 184/185.
- Unter Historikern ist die Datierung der Entstehung der russischen Dorfgemeinde umstritten. Pipes vertritt die Auffassung, daß eine Mehrheit der Position zuneigt, den Ursprung der russischen Dorfgemeinde aus dem zaristischen Steuersystem abzuleiten, da sie zuvor schriftlich nicht belegt sei. Demnach wäre die russische Dorfgemeinde ein Produkt der letzten Jahrhunderte.
Problematisch an dieser Position ist zweierlei. Erstens wird durch diese Argumentation die Existenz einer Dorfgemeinde nur für Rußland erklärt. Zweitens wird die Entstehung der Dorfgemeinde hauptseitig politisch hergeleitet, ohne daß ihre Wurzeln in den Produktionsbedingungen der slawischen Ackerbaugemeinden berücksichtigt würden. Tatsächlich lassen sich Formen dorfgemeinschaftlichen Lebens aber sowohl im süd- wie im ostslawischen Raum, also nicht nur in Rußland, nachweisen. Klima wie Entwicklungsstand der Produktivkräfte lassen eine andere Form der agrarischen Produktion als die genossenschaftliche Produktion während des gesamten Mittelalters kaum denkbar erscheinen. Nur bei den Westslawen (Polen, Tschechen, Slowaken etc.) finden wir, teilweise auf Grund anderer klimatischer Bedingungen, sicherlich aber auch durch eine weitgehende Einbeziehung dieser Regionen in jenen von der westeuropäischen Feudalität geprägten Entwicklungsprozeß, eine durch die bäuerliche Einzelwirtschaft auf Basis der Kleinfamilie geprägte Wirtschaftsweise.
- Pipes, a.a.O., S. 107.
- Ebd., S. 105 - 106 (Hervorh. von mir, A. S.).
- "Daß der moskowitische Staat von Anfang an despotische Züge aufwies und seine Regierungsformen dem straff zentralistisch regierten Mongolenstaat entlieh, steht außer allem Zweifel." Neander, a.a.O., S. 43.
- "Es bietet erhebliche Vorteile, die Bezeichnung 'patrimonial' beizubehalten, wenn man ein Regime definieren will, in dem die Souveränitäts- und Eigentumsrechte bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander übergehen und politische Macht in der gleichen Weise ausgeübt wird wie wirtschaftliche. (...) Das patrimoniale Regime ist eine Regierungsform aus eigenem Recht (...). Konflikte zwischen Souveränität und Eigentum entstehen hier nicht, ja können nicht entstehen, weil sie, wie im Fall einer primitiven, von einem Pater familias geführten Familie, ein und dasselbe sind. Ein Despot verletzt Eigentumsrechte seiner Untertanen; ein patrimonialer Herrscher erkennt nicht einmal ihre Existenz an. Infolgedessen kann es unter einem patrimonialen Regime keinen klaren Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft geben, denn eine solche Unterscheidung postuliert das Recht von Personen neben dem Souverän, Kontrolle über Sachen und (dort wo Sklaverei besteht) über Menschen auszuüben. In einem patrimonial regierten Staat gibt es keine formellen Einschränkungen politischer Herrschaft. (...) Mit dem patrimonialen System ist am besten der Herrschaftstypus definiert, der sich zwischen dem 12. und dem 17. Jahrhundert in Rußland herausbildete". Pipes, a.a.O., S. 32/33.
- Ebd., S. 28/29.
- Ebd., S. 176 - 196.
- Ebd., S. 175.
- Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution in 3 Bänden. Band 1, Frankfurt 1973, S. 14
- Josef W. Stalin, Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang. Stuttgart 4. Auflage 1974, S. 151.
- "In den romanisierten Provinzen wurde die Freiheit des Bauern viel stärker vernachlässigt, so daß ihre Unterwerfung unter krasse Formen ökonomischer Ausbeutung nicht selten war. Viele Bauern, wenn nicht die meisten, lebten als sog. 'Kolonen', die den Boden anderer bestellten. Sie galten zwar als Freie, waren aber faktisch in einem ganzen Netz von Dienstleistungen gefangen, die ihre Unabhängigkeit beträchtlich einschränkten." (G. Duby, Krieger und Bauer. Frankfurt/M. 1977, S. 46.) Auch in diesen Provinzen findet sich aber im 11. und 12. Jahrhundert eine weitgehende Ausdehnung bäuerlicher Rechte und Freiheiten. (siehe ebd. S. 275 - 78.)
- Friedrich Heer, Mittelalter. München 1961, S. 69 (Hervorhebung von mir, A. S.).
- Siehe dazu: Carsten Goehrke, Zum gegenwärtigen Stand der Feudalismusdiskussion in der Sowjetunion, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, N. F., Bd. 22 (1974), Heft 3, S. 214 - 247.
- Z. B. Politische Ökonomie (Lehrbuch). Berlin 1971 (Nachdruck einer im Dietz Verlag erschienenen Übersetzung der russischen Ausgabe von 1954).
- N. Suchanow, 1917 - Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 602
- siehe S. 19/20
- In diesem Dekret hieß es: "1. Das Privateigentum am Grund und Boden wird für immer aufgehoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft werden, weder in Pacht gegeben noch verpfändet, noch auf irgend eine andere Weise veräußert werden. (...) 6. Das Recht auf Bodennutzung erhalten alle Bürger des Russischen Staates (ohne Unterschied des Geschlechts), die den Boden selbst, mit Hilfe ihrer Familie, oder genossenschaftlich bearbeiten wollen, und zwar nur für so lange, wie sie imstande sind ihn zu bearbeiten. Lohnarbeit wird nicht zugelassen. (...) 7. Die Bodennutzung muß ausgleichend sein, d. h., der Boden wird je nach den örtlichen Verhältnissen auf Grund der Arbeitsnorm oder Verbrauchsnorm unter die Werktätigen aufgeteilt." Zit.n.: LW Bd. 26, S. 250/251.
- Hintze, a.a.O., S. 100.
- Ebd., S. 100/101. Was hätte die deutsche Linke doch für eine Freude am Werk Otto Hintzes, würde sie es nur kennen. Hier fände sie Material - und gar bürgerliches Material - welches es ihr ermöglichen würde, eines ihrer Lieblingsdogmen - das von der besonderen Agressivität des deutschen Imperialismus - bereits aus der europäischen Frühgeschichte herleiten zu können. Der "überstürzte Imperialismus" stände damit sozusagen an der Wiege der deutschen Nation, die Junker des Kaiserreichs und das nationalsozialistische Regime wären nur Spätfolgen einer 15 Jahrhunderte dauernden Fehlentwicklung der Deutschen. Daß theoretisches Desinteresse auch positive Seiten haben kann, erleben wir an dieser Frage. Eine politische Aufarbeitung Hintzes durch die deutsche Linke blieb uns bisher erspart.
- Denselben Gedanken finden wir bei Engels: "Alles, was die Deutschen der Römerwelt Lebenskräftiges und Lebendbringendes einpflanzten, war Barbarentum. In der Tat sind nur Barbaren fähig, eine an verendender Zivilisation laborierende Welt zu verjüngen. Und die oberste Stufe der Barberei, zu der und in der die Deutschen sich vor der Völkerwanderung emporgearbeitet, war gerade die günstigste für diesen Prozeß. Das erklärt alles." Engels, F., MEW Bd. 21, S. 151.
- Ebd., S. 95/96. (Hervorheb. von mir, A. S.)
- Marx, MEW Bd. 3, S. 24 und 64.
- "Der Kriegsführer, der sich einen Ruf erworben, versammelte eine Schar beutelustiger junger Männer um sich, ihm zu persönlicher Treue, wie er ihnen, verpflichtet. Der Führer verpflegte und beschenkte sie, ordnete sie hierarchisch; eine Leibgarde und schlagfertige Truppe zu kleineren, ein fertiges Offizierkorps für größere Auszüge. Schwach wie diese Gefolgschaften gewesen sein müssen (...), so bildeten sie doch schon den Keim des Verfalls der alten Volksfreiheit und bewährten sich als solche in und nach der Völkerwanderung. Denn erstens begünstigten sie das Aufkommen der königlichen Gewalt. Zweitens aber konnten sie (...) zusammengehalten werden, nur durch fortwährende Kriege und Raubzüge. (...) Nach Eroberung des Römerreichs bildeten diese Gefolgsleute der Könige neben den unfreien und römischen Hofbedienten den zweiten Hauptbestandteil des späteren Adels." Engels, F., MEW Bd. 21, S. 139/140.
- "Es findet jedoch schon während des frühen Mittelalters ein Wandel statt. Der Anteil des Ackerbaus an der landwirtschaftlichen Produktion wächst, und die Bodennutzung wird intensiver, vor allem dadurch, daß man an Stelle des leichten, den Boden nur ritzenden Hakenpfluges schwerere, schollenbrechende Pflüge zu benutzen lernt. Die intensivere Bodenbearbeitung aber hat einen erhöhten Zeitaufwand zur Folge, so daß der Ackerbauer nun weniger für andere Aufgaben zur Verfügung steht. Und das heißt, es wurde schwieriger für ihn, Kriegsdienst zu leisten." Boockmann, H., Einführung in die Geschichte des Mittelalters. München 1988, S. 31. (Hervorheb. von mir, A. S.)
- Engels, F., MEW Bd. 21, S. 147.
- Die von Engels hier angesprochene Entwicklung im untergehenden Römischen Reich schildert er selbst folgendermaßen: "In Italien waren die seit Ende der Republik fast das ganze Gebiet einnehmenden ungeheuren Güterkomplexe (Latifundien) auf zweierlei Weise verwertet worden. Entweder als Viehweide, wo die Bevölkerung durch Schafe und Ochsen ersetzt war, deren Wartung nur wenige Sklaven erforderte. Oder als Villen, die mit Massen von Sklaven Gartenbau in großem Stil trieben, teils für den Luxus des Besitzers, teils für den Absatz auf städtischen Märkten. Die großen Viehweiden hatten sich erhalten und wohl noch ausgedehnt; die Villengüter und ihr Gartenbau waren verkommen mit der Verarmung ihrer Besitzer und dem Verfall der Städte. Die auf Sklavenarbeit gegründete Latifundienwirtschaft rentierte sich nicht mehr; sie war aber damals die einzig mögliche Form der großen Agrikultur. Die Kleinkultur war wieder die allein lohnende Form geworden. Eine Villa nach der anderen wurde in kleine Parzellen zerschlagen und ausgegeben an Erbpächter, die eine bestimmte Summe zahlten, oder partiarii, mehr Verwalter als Pächter, die den sechsten oder gar nur neunten Teil des Jahresprodukts für ihre Arbeit erhielten. Vorherrschend aber wurden diese kleinen Ackerparzellen an Kolonen ausgetan, die dafür einen bestimmten jährlichen Betrag zahlten, an die Scholle gefesselt waren und mit ihrer Parzelle verkauft werden konnten; sie waren zwar keine Sklaven, aber auch nicht frei, konnten sich nicht mit Freien verheiraten, und ihre Ehen untereinander werden nicht als vollgültige Ehen, sondern wie die der Sklaven als bloße Beischläferei (contubernium) angesehen. Sie waren die Vorläufer der mittelalterlichen Leibeignen. Die antike Sklaverei hatte sich überlebt. Weder auf dem Lande in der großen Agrikultur noch in den städtischen Manuktakturen gab sie einen Ertrag mehr, der der Mühe wert war - der Markt für ihre Produkte war ausgegangen." Engels, F., MEW Bd. 21, S. 143/144. (Hervorheb. von mir, A. S.) Aus Stellen wie dieser folgert Jürgen Kuczynski, daß es sich beim Kolonat um eine frühe Form der feudalen Gesellschaft gehandelt habe. (Siehe dazu: Kuczynski, J., Asche für Phönix. Köln 1992, S. 17 - 44.) Die Kolonen waren, wie Engels richtig bemerkte, "Vorläufer" der mittelalterlichen Leibeigenen; Gesellschaften mit einer durchs Kolonat geprägten Agrarverfassung sind damit aber nicht notwendig "Frühformen der Feudalität". Kuczynski übersieht bei seiner Argumentation, daß die geschilderten ökonomischen Verhältnisse nur eine, aber für sich alleine völlig unzureichende Voraussetzung für die Herausbildung einer feudalen Gesellschaft sind. Das Hinzutreten der "Germanischen Heeresverfassung", weiterhin die durch den Ackerbau und die Heeresverfassung bedingte Herausbildung des Ritters, jener speziellen Form des feudalen Kriegers und die Formung des Staatsapparates vermittels der Lehenspyramide (Personenverbandsstaat) sind weitere unabdingbare Bestandteile einer feudalen Gesellschaft. Nur wo eine Gesellschaft alle diese Elemente hervorbrachte, damit tatsächlich und nicht nur im osteuropäisch-marxistischen Sinne feudal war, lieferte sie auch aus sich heraus die Anstöße zur Entwicklung des modernen Kapitalismus.
- Engels, F., MEW Bd. 21, S. 148/150.
- "Wenn sie wenigstens in dreien der wichtigsten Länder, Deutschland, Nordfrankreich und England, ein Stück echter Gentilverfassung in der Form der Markgenossenschaft in den Feudalstaat hinüberretteten und damit der unterdrückten Klasse, den Bauern, selbst unter der härtesten mittelalterlichen Leibeigenschaft, einen lokalen Zusammenhalt und ein Mittel des Widerstandes gaben, wie es weder die antiken Sklaven fertig vorfanden noch die modernen Proletarier - wem war das geschuldet, wenn nicht ihrer Barbarei, ihrer ausschließlich barbarischen Ansiedlungsweise nach Geschlechtern?" Ebd., S. 150.
- "Ein Teil der Freien hat sich diesen veränderten Anforderungen (gemeint sind die Anforderung des Kriegsdienstes, A. S.) offensichtlich dadurch entzogen, daß er seinen Rechtsstatus aufgab und sich einem Herrn unterstellte, einem Adligen oder auch einer Kirche (...) Er erhielt von seinem neuen Herrn seinen Besitz dann zur Bewirtschaftung zurück und mußte ihm Abgaben und Dienste leisten. Aus dem Freien wurde damit zwar kein servus, kein Unfreier im antiken und frühmittelalterlichen Sinne, kein Rechtloser also, über den sein Herr nach Belieben verfügen konnte, sondern eine Person mit eingeschränktem Rechtsstatus, ein Höriger". Boockmann, a.a.O., S. 32.
- Ebd., S. 32/33.
- Politische Ökonomie (Lehrbuch), Deutsche Übersetzung der russischen Ausgabe von 1954. Berlin/DDR 1971, S. 48/49. (Hervorheb. von mir, A. S.)
- Büttner, T., Afrika. Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Teil I, Köln 1979, S. 117 (Nachdruck einer Ausgabe des Akademie-Verlages Berlin/DDR).
- Dementsprechend wird in besagtem Geschichtsbuch argumentiert: "Immer noch behaupten sich bürgerliche Ansichten, die bezüglich des subsaharischen Afrika von einer über Jahrhunderte dauernden Stagnation auch seit den frühen Staatenbildungen sprechen. Es werden nicht nur die verhehrenden Auswirkungen der mit den Portugiesen beginnenden europäischen Kolonisation und des transatlantischen kapitalistischen Sklavenhandels geleugnet, darüber hinaus wird die innere gesellschaftliche Entwicklung als 'jeglicher Dynamik fremd' und das Niveau stammesmäßig-patriarchalischer Beziehungen nicht überschreitend dargestellt. (...) Seit dem ersten Jahrtausend haben zahlreiche Völker Afrikas bedeutsame Staaten auf der Basis von Ausbeutungsverhältnissen und frühen Klassengesellschaften begründet, und durchaus eine Aufwärtsentwicklung durchlaufen. Sie wurden jedoch häufig durch 'äußeren' Einfluß, vor allem durch die Auswirkungen der seit Ende des 15. Jahrhunderts beginnenden europäischen Kolonisation, aber auch aus innergesellschaftlichen Gründen abgebrochen oder deformiert." (Ebd., S. 116/117)
- Ebd., S. 122.
- Bei den Osmanen wurden Kanonen erstmals 1385 bei Konya durch Murat I. eingesetzt. Siehe dazu: Matuz, J., Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1985, S. 38. Die artelleristische Überlegenheit des Osmanischen Heeres gegenüber den byzantischen Verteidigern war eine entscheidende Voraussetzung für die Eroberung Konstantinopels 1453. (Siehe dazu: Runciman, S., Die Eroberung Konstantinopels 1453. München 1977.
- Kennedy, P., Aufstieg und Fall der großen Mächte. Frankfurt/M. 1989, S. 32/33.
- Lombard, M., Blütezeit des Islam. Frankfurt/M., S. 129. (Hervorheb. von mir, A. S.)
- "Es war eine Kombination von wirtschaftlichem Laisser-faire, politischem und militärischem Pluralismus und intellektueller Freiheit - wie rudimentär jeder Faktor im Vergleich zu späteren Zeitaltern auch erscheinen mag -, die in ständiger Interaktion standen, um das 'Europäische Wunder' zu schaffen. Da das Wunder historisch einmalig ist, scheint es plausibel, anzunehmen, daß nur eine Entsprechung aller Komponenten anderswo ein ähnliches Resultat produziert hätte. Weil diese Mischung entscheidender Zutaten weder in Ming-China, noch in anderen zuvor untersuchten Gesellschaften existierte, schienen sie stillzustehen, während Europa sich auf die Mitte der Weltbühne zubewegte." Kennedy, a.a.O., S. 68.
- Der entwickelsten Form der Reisproduktion in China ist die Verbindung von Ackerbau und Viehzucht, die für Europa typisch ist, völlig fremd. So schreibt Braudel dazu: "Waldwirtschaft und Viehzucht sind den Chinesen unbekannt (sie trinken keine Milch, essen keinen Käse und nur sehr wenig Fleisch), der Versuch einer Integration der Bergvölker in das allgemeine Leben wurde im Gegensatz zu Europa nie unternommen. (...) Im Süden des Landes ist den Chinesen die Nutzbarmachung der Gebirgsregionen nicht etwa mißlungen: Man hat im Gegenteil noch nicht einmal den Versuch dazu unternommen. Nachdem man fast alle Haustiere vertrieben und seine Tür vor den armseligen Bergvölkern der Trockenreiskulturen verschlossen hat, geht es aufwärts". Braudel, F., Die Geschichte der Zivilisation. München 1971, S. 162/162. Ähnliches gilt für den arabisch-islamischen Raum. Hier "spielte die Viehzucht eine geringere Rolle als in Europa, denn obwohl man die Tiere bei der Feldbestellung und bei dem Betrieb der Wasserhebemaschinen heranzog, benötigte sie der Orient doch weniger als der Westen, wo mehr schwerer Boden zu bearbeiten war; auch Dünger wurde, außer in Gebieten, wo Nomaden ihn billig lieferten, kaum benutzt. (...) Esel und Maultiere brauchte man für den Transport von Lasten und Männern (nicht Frauen); Schweine waren vom Islam verpönt". Cahen, Claude, Der Islam I. Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches. Fischer Weltgeschichte Bd. 14. Frankfurt/M. 1968, S. 147/148.
- "In Europa gibt es keine solchen 'wilden' Völker, hier wurden die Bergbewohner sehr früh unterworfen, ohne daß man sie wie in Ostasien als Parias behandelte." Ebd., S. 52. Auch bei Marx ein Hinweis zu diesem Problem: "Es lassen sich übrigens 1. allgemeines Verhältnis nachweisen bei allen orientalischen Stämmen, zwischen dem settlement (der Seßhaftigkeit, A. S.) des einen Teils derselben und der Fortdauer des Nomadisierens bei den andern, seit die Geschichte geschieht." Marx, K., Brief an F. Engels vom 02.06.1853, MEW Bd. 28, S. 251.
- Dies spiegelt sich auch in der jeweiligen Ernährung wider. So schreibt Lombard: "Die Ernährung der seßhaften Völker des Orients und des Mittelmeers ist im wesentlichen vegetarisch. Sie basiert auf Getreide - Mehl, Brot, verschiedene Brei- und Teigarten - auf den Oliven, deren Öl das in der Küche verwendete Fett schlechthin liefert, auf Gemüse und Früchten (...). Die Ernährung der Nomadenvölker Zentralasiens, des Iran, Arabiens und der Sahara beruht im Gegensatz dazu auf den Produkten der Herden, auf Fleisch- und Milcherzeugnissen". Lombard, a.a.O., S. 168. Anders dagegen die Eßgewohnheiten in Europa. "Der luxuriöse Fleischkonsum im 15. und 16. Jahrhundert scheint indes nicht nur ein Privileg reicher Leute gewesen zu sein. (...) 'Im Jahr 1550' schreibt Heinrich Müller, 'aß man bei den schwäbischen Bauern anders, als es heute der Fall ist. Damals gab es jeden Tag Fleisch und Essen in Hülle und Fülle; an der Kirmes und an Feiertagen bogen sich die Tische unter der Last'. (...) 'Zur Zeit meines Vaters', schreibt 1560 ein normannischer Edelmann, 'gab es alle Tage Fleisch, die Teller liefen über'". Braudel, a.a.O., S. 196 - 199. Derselbe schreibt über den Fleischkonsum in Asien: "'Die Bewohner Japans', berichtet 1609 ein Spanier, 'essen nur Rebhühner, die sie auf der Jagd erlegt haben.' In Indien verschmähen die Einwohner glücklicherweise fleischliche Nahrung. Die Soldaten des Großmuguls Aureng Zeb stellen nach Aussagen eines französischen Arztes im allgemeinen wenig Ansprüche: 'Wenn sie nur ihre Kicheris oder Reismischung und anderes Gemüse bekommen, über das sie rote Butter gießen, sind sie schon zufrieden. In China wird nur ganz selten Fleisch gegessen. Der täglichen Reismahlzeit wird manchmal etwas Fisch zugesetzt". Ebd., S. 203. Die angeführten unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten dürften ihren Ursprung in der jeweiligen Form der landwirtschaftlichen Produktion haben. Nur eine geschlossene Wirtschaftseinheit von Ackerbau und Viehzucht ist in der Lage, den Fleischkonsum breiter ländlicher Bevölkerungsteile im Mittelalter sicherzustellen. Zugleich erklärt dies die weitgehend vegetarische Ernährung der seßhaften Ackerbaukulturen Asiens.
- Braudel, a.a.O., S. 117.
- Ebd., S. 155. (Hervorh. von mir, A. S.)
- Engels, F., Brief an Marx vom 06.06.1853, MEW Bd. 28, S. 259. (Hervorheb. von mir, A. S.)
- Eine vom osteuropäischen Marxismus besonders gern zitierte Stelle aus der Engelschen Schrift "Anti-Dühring" scheint obige Ausführungen einzugrenzen. Engels spricht davon, daß "erst die Türken im Orient in den von ihnen eroberten Ländern eine Art grundherrlichen Feudalismus eingeführt (hätten), während sonst "im ganzen Orient, wo die Gemeinde oder der Staat Grundeigentümer ist, sogar das Wort Grundherr in den Sprachen (fehle)". Engels, MEW Bd. 20, S. 164. Zu dieser Aussage gelangte Engels in einer Polemik gegen Eugen Dühring, der die Entwicklung der Landwirtschaft an die Existenz von großem Grundeigentum und seiner Bearbeitung von abhängigen Knechten band. Demgegenüber betonte Engels sowohl die Existenz selbständiger Bauern wie die Nichtexistenz des privaten Grundherrn im ganzen Orient.
Die von Engels vermutete Ausnahme von dieser den "Osten" insgesamt kennzeichnenden Erscheinung unter der türkischen Herrschaft war so nicht zutreffend. "Der Boden, das Hauptproduktionsmittel, gehörte seit Mehmet II. (1451 - 1481) zum größten Teil dem Staat. Der Privatbesitz an Boden (mülk) spielte seither nur noch eine untergeordnete Rolle. Das vererbbare private Grundeigentum dürfte kaum mehr als 5 - 10 % der Gesamtbodenfläche ausgemacht haben. (...) Der staatliche Bodenbesitz (arz -i miri) wurde durch den Fiskus verwaltet und zu einem guten Teil in kleineren oder größeren Stücken in der Form von Pfründen hauptsächlich militärischen, seit Beginn des 16. Jahrhunderts aber auch zivilen Bediensteten zur Nutznießung übertragen." Matuz, a.a.O., S. 104. Der jeweilige Nutznießer gelangte bei diesem System nicht in den Besitz des Bodens, er konnte seine Pfründe weder verkaufen noch verschenken, bei seinem Tod fielen sie an den Staat zurück. Weiterhin besaß er keine Rechtsimmunität und die Abgaben leistenden Bauern unterstanden nicht seiner Gerichtsbarkeit und waren nicht Leibeigen. "Allod und Fronhof waren im osmanischen Timar System" - dies war die Bezeichnung des Pfründensystems - "unbekannt. So ist es kaum verwunderlich, daß der Pfründner sich um die Landwirtschaft gar nicht kümmerte; er erschien bei den Bauern lediglich, um die ihm zugewiesene Rente und die staatlichen Steuern einzutreiben; letztere hatte er an den Fiskus weiterzuleiten."Ebd. S. 105. (Hervorh. von mir, A. S.)
- Howard, M., Der Krieg in der europäischen Geschichte, München 1981, S. 10/11. Die historische Datierung des Übergangs vom Sperrwurf zum Lanzenstoß ist umstritten. So vertritt Maurice Keen die Ansicht, daß der Lanzenstoß erst zur Mitte des 11. Jahrhunderts übliche Kampfweise des Ritters wurde. "Das 11. Jahrhundert war eine wichtige Epoche der mittelalterlichen Militärgeschichte und insbesondere der Kavallerietaktik. Die Einführung des Steigbügels (eine Erfindung des Ostens) in Europa hat seit dem frühen 8. Jahrhundert die Bedeutung der Reiterei beträchtlich gesteigert. Steigbügel gaben dem bewaffneten Krieger eine weitaus größere Sattelfestigkeit und ermöglichten eine bessere Führung des Pferdes. Es scheint aber, daß sich erst im 11. Jahrhundert, als Ergebnis weiterer technischer Neuerungen, eine Taktik entwickelte, bei der ein Angriff der schweren Reiter mit eingelegter Lanze zum richtigen Zeitpunkt den Ausgang der Schlacht entscheiden konnte. Nach anderen Auffassungen soll es sich bei dieser Taktik bereits um eine frühere, mit der Einführung des Steigbügels parallelen Erscheinung gehandelt haben. Es deutet aber vieles darauf hin, daß erst in der Zeit nach 1000, vielleicht erst gegen Ende des 11. Jahrhunderts, diese Kampfweise - lange Zeit die klassische Taktik mittelalterlicher Kriegsführung - zum ersten Mal angewendet wurde." (Hervorh. von mir, A. S.) Keen, M., Das Rittertum, Hamburg 1991, S. 41. Keen stützt sich bei seiner Argumentation auf mittelalterliche Bild- und Literaturzeugnisse, die eine spätere Datierung nahe legen.
- Hintze, a.a.O., S. 62. (Hervorh. von mir, A. S.)
- Zur Entstehung der Lehenspyramide und ihrer weiteren Entwicklung siehe Boockmann, a.a.O., S. 36ff.
- vgl. Bach, P., Erben der Europäisierung der Erde, in: Kommunistische Presse (1993), Nr. 16. Die Ausführungen zur chinesischen Gesellschaftsordnung wurden diesem Aufsatz weitgehend entnommen.
- "Lange Zeit gab es große Städte nur im Fernen Osten. Marco Polo berichtet erstaunt: Der Osten ist die Heimat der Kaiserreiche und der riesigen Städte. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts, mehr noch in den folgenden zwei Jahrhunderten entstehen auch im Abendland große Städte. (...) Europa holt damit einen Rückstand auf, beseitigt einen Mangel (...)." (Ebd., S. 617)
- Heer, F., Mittelalter. Zürich 1961, S.159-60.
- Braudel, a.a.O., S. 615.
- "In ganz Europa gab es nur zwei Länder, in denen das Königtum und die ohne es damals unmögliche nationale Einheit gar nicht oder nur auf dem Papier bestanden." (Engels); MEW 21, S. 401.
- MEW 23, S. 743.
Literatur
- Bach, Petra, Erben der Europäisierung der Erde. Kommunistische Presse (1993), Nr. 16
- Boockmann, H., Einführung in die Geschichte des Mittelalters. München 1988
- Braudel, Friedrich, Die Geschichte der Zivilisation. München 1971
- Büttner, Thea, Afrika. Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Teil I. Köln 1979 (Nachdruck einer Ausgabe des Akademie-Verlags, Berlin / DDR)
- Cahen, Claude, Der Islam I. Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches. Fischer Weltgeschichte Bd. 14. Frankfurt/M. 1968
- Duby, Georges, Krieger und Bauer. Die Entwicklung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft bis um 1200. Frankfurt/M. 1977
- Dutschke, Rudi, Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Berlin 1974
- Engels, Friedrich, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. MEW Bd. 21, Berlin (DDR) 1975
- Engels, Friedrich, Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, Berlin (DDR) 1962
- Geschichte der UdSSR in drei Teilen, Teil I, Köln 1977
- Gitermann, Valentin, Geschichte Rußlands, Bd. I, Hamburg 1949
- Goehrke, Carsten, Zum gegenwärtigen Stand der Feudalismusdiskussion in der Sowjetunion, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, N. F., Bd. 22 (1974), Heft 3
- Gramsci, Antonio, Philosophie der Praxis. Eine Auswahl. Hrsg. von Christian Riechers, Frankfurt/M. 1967
- Heer, Friedrich, Mittelalter. München 1961
- Hintze, Otto, Staat und Verfassung. Göttingen 1962
- Howard, Michael, Der Krieg in der europäischen Geschichte. München 1981
- Keen, Maurice, Das Rittertum. Hamburg 1991
- Kennedy, Paul, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Frankfurt/M. 1989
- Kolakowski, Leszek, Die Hauptströmungen des Marxismus. Bd. 2
- Kuczynski, Jürgen, Asche für Phönix. Köln 1992
- Lenin, Wladimir I., Dekret über den Grund und Boden. LW Bd. 26, Berlin 1972
- Linden, Marcel van der, Von der Oktoberrevolution bis zur Perestrojka: der westliche Marxismus und die Sowjetunion, Frankfurt/M. 1992
- Lombard, Maurice, Blütezeit des Islams. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte des 8. - 11. Jahrhunderts. Frankfurt/M. 1992
- Marx, Karl; Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3, Berlin (DDR) 1983
- Marx, Karl, Das Kapital. Erster Band. MEW 23, Berlin (DDR) 1977
- Marx, Karl, Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. Berlin 1977
- Matuz, Josef, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1985
- Neander, Irene, Russische Geschichte in Grundzügen, Darmstadt 1988
- Pannekoek, Anton; Gorter, Herman, Organisation und Taktik der proletarischen Revolution. Frankfurt 1969
- Pipes, Richard, Rußland vor der Revolution. München 1984
- Politische Ökonomie (Lehrbuch), Berlin (DDR) 1971 (Nachdruck einer im Dietz Verlag erschienenen Übersetzung der russischen Ausgabe von 1954)
- Portal, Roger, Die Slawen. München 1971
- Runciman, Steven, Die Eroberung von Konstantinopel 1453. München 1977
- Stalin, Josef W., Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang. Stuttgart 4. Auflage 1974
- Stern, L., Deutschland in der Feudalepoche von der Mitte des 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Berlin (DDR) 1978
- Stökl, Günther, Russische Geschichte. Stuttgart 1990
- Suchanow, Nicolai, 1917 - Tagebuch der russischen Revolution. München 1967
- Trotzki, Leo, Geschichte der russischen Revolution in 3 Bänden, Band 1, Frankfurt 1973
- Wittfogel, Karl A., Die Orientalische Despotie. Frankfurt/M. Berlin Wien 1977
- Z. (Zeitschrift Marxistische Erneuerung), Nr. 12, Dezember 1992
Zuerst veröffentlicht in: Heiner Karuscheit, Alfred Schröder: Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus - Aufsätze über die Klassenkräfte an den Wendepunkten der russisch-sowjetischen Geschichte. Verlag Theoretischer Kampf (VTK), Frankfurt/M. 1993. Information und Bestellformular ...