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Alfred Schröder

Die russische Oktoberrevolution - Linke Legenden über eine siegreiche proletarische Revolution

Statt Erkenntnissen - eine armselige Liste von Renegaten

Zum achtzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution hat die bürgerliche wie die linke Presse wenig Lesenswertes hervorgebracht. Insgesamt spiegelt die Presse wider, in welchem Umfang das politische und theoretische Interesse an diesem historischen Ereignis abgenommen hat. Dietrich Geyer verkündet gar in der FAZ, "dass die Große Sozialistische Oktoberrevolution ... aus der Geschichte ... nahezu verschwunden ist." (FAZ vom 08.11.1997) Was sich hier ausdrückt, ist nicht in erster Linie die Missachtung der historischen Bedeutung der siegreichen Revolution von 1917, sondern vielmehr die Tatsache, dass ein Produkt dieser Revolution, der Marxismus-Leninismus und die kommunistischen Gruppierungen in ihrer heutigen theoretischen und politischen Gestalt keinen Bezugspunkt mehr für die Arbeiterklasse der industriell entwickelten Länder und die revolutionären Bewegungen der dritten Welt bilden. Wie konnte es zu einer solchen Entwicklung kommen?

Für Europa liegt die eine Hälfte der Antwort offen zutage: Der Marxismus-Leninismus war eine Theorie der Niederlagen der Arbeiterbewegung in Westeuropa. Alle sozialistischen Revolutionen in diesem Jahrhundert - außer der russischen - scheiterten, und mit ihnen scheiterten notwendig die politischen Bewegungen (die Kommunisten) und theoretischen Begründungen (der Marxismus-Leninismus der Komintern und der SU). Der Zerfall der Sowjetunion und das Ende der DDR haben dieses Kapitel politisch abgeschlossen. Die Aufgabe der Revolutionäre besteht nun darin, diese Niederlagen zu erklären um das kommende Jahrhundert mit einem neuen siegreichen "Oktober" zu prägen.

Die Oktoberrevolution hat uns ein zweifaches Problem beschert. Einerseits einen Sieg, der die Geschichte dieses Jahrhunderts mit allen seinen Wechselfällen prägte, und anderseits hat diese Revolution eine Legende begründet, die der notwendigen wissenschaftlichen Erklärung und politischen Aufarbeitung der bedeutenden Niederlagen der Arbeiterbewegung in diesem Jahrhundert bis heute entgegensteht: die Legende vom sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution. Die beachtliche Kette von Niederlagen der westeuropäischen Arbeiterbewegung wurde Jahrzehnte übertüncht durch den Sieg der Sowjetunion im II. Weltkrieg mit seinen bedeutenden sozialpolitischen Umwälzungen in ganz Osteuropa sowie durch die siegreichen "antikolonialen Volksrevolutionen" in Asien und Afrika.

Heute, nach dem Niedergang und Zerfall des osteuropäischen Sozialismus und der Verwandlung der verschiedenen "Volksrepubliken" Asiens und Afrikas in Richtung auf kapitalistische Gemeinwesen ohne die im Westen erreichten bürgerlichen Freiheitsrechte, lässt sich die Frage nach den Ursachen der Niederlagen der Arbeiterbewegung nicht mehr mit den jahrzehntelang üblichen Verweisen auf Verräter und Renegaten in der Arbeiterbewegung abtun. Die Geschichte der marxistischen Theorie und Politik des 20. Jahrhunderts muss neu geschrieben werden. Die Oktoberrevolution, ihre theoretische Begründung und politische Praxis, bilden dabei einen zentralen Punkt.

Ein Blick auf die verschiedenen Erklärungsversuche dieser Serie der Niederlagen im Westen Europas und in der Sowjetunion selbst verdeutlicht die theoretische Hilflosigkeit des heutigen Marxismus. Folgen wir der vorherrschenden "marxistischen" Geschichtsschreibung, so haben wir es speziell in Deutschland mit einer endlosen Kette von "Verrat" zu tun. Angefangen vom "Verrat" der sozialdemokratischen Führung im August 1914, über ihren "Verrat" an der Novemberrevolution 1918, ihrer Schuld an der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933, bis hin zur Inszenierung des 17. Juni 1952 und der Entspannungspolitik der siebziger und achtziger Jahre, die den Boden für das Ende der DDR bereitet haben. Zur Erklärung des Scheiterns des revolutionären Marxismus im internationalen Maßstab treffen wir auf dieselbe Theorie, nur mit anderem Namen versehen. Hier "verrät" dann Chruschtchow den weiteren Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion, lockt Deng Tsiao Ping die Volksrepublik China auf den kapitalistischen Weg und Gorbatschow verkauft die sozialistische DDR an die imperialistische BRD. So finden wir am Ende eines ganzen Jahrhunderts, angefüllt mit verheerenden Niederlagen der Arbeiterbewegung, zur Erklärung dieser Niederlagen nur eine armselige Liste von Verrätern, die, getarnt im marxistischen Gewande, fortwährend nur ein Sinnen und Trachten hatten: die revolutionäre Arbeiterbewegung im Interesse des Kapitals zu meucheln.

Eine solche "Theorie" sagt uns gar nichts über die gesellschaftlichen Kräfte und politischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts, aber sehr viel über den Zustand der marxistischen Theorie und über den Charakter der Organisationen, die eine solche Theorie verfechten. Wer sich mit solchen "Antworten" zufrieden gibt, hier eine Liste von Revisionisten und Renegaten - dort die unbefleckte und ewig siegreiche Theorie des Marxismus-Leninismus, der hat nicht nur den Marxismus nicht verstanden; er hat, was viel schlimmer ist, aus einer Theorie, die Anleitung zum Umsturz der bestehenden Verhältnisse sein soll, ein totes, der Religion verwandtes Dogma gemacht. Ohne eine wissenschaftliche Erklärung der Niederlagen der Vergangenheit gibt es keine Siege in der Zukunft.

Die Legende des Oktobers

Kommen wir nun zur Oktoberrevolution, zur Legende und zu den Tatsachen des russischen Oktobers. Worin besteht die Legende über den Oktoberumsturz? In klassischer Form wird sie im "Kurzen Lehrgang" der "Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion" zusammengefasst.

"Unter der Führung der Partei der Bolschewiki stürzt die Arbeiterklasse im Bündnis mit der armen Bauernschaft, mit Unterstützung der Soldaten und Matrosen die Macht der Bourgeoisie, errichtet die Macht der Sowjets, begründet einen neuen Staatstypus, den sozialistischen Sowjetstaat, hebt das Eigentum der Gutsbesitzer an Grund und Boden auf, übergibt den Boden der Bauernschaft zur Nutzung, nationalisiert den gesamten Grund und Boden im Lande, expropriiert die Kapitalisten, erkämpft den Ausweg aus dem Kriege, den Frieden, gewinnt die notwendige Atempause und schafft auf diese Weise die Voraussetzungen zur Entfaltung des sozialistischen Aufbaus.

Die sozialistische Oktoberrevolution hat den Kapitalismus zerschlagen, der Bourgeoisie die Produktionsmittel weggenommen und die Fabriken, Betriebe, den Grund und Boden, die Eisenbahnen, die Banken in Eigentum des ganzen Volkes, in gesellschaftliches Eigentum verwandelt.

Sie hat die Diktatur des Proletariats errichtet und die Leitung eines riesigen Staates in die Hände der Arbeiterklasse gelegt, sie somit zur herrschenden Klasse gemacht. Damit hat die Sozialistische Oktoberrevolution eine neue Ära in der Geschichte der Menschheit, die Ära der proletarischen Revolution eröffnet." (Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion/ Bolschewiki, Stuttgart 1974, S. 270/71. Hervorhebung von mir, A.S.) Was ist an diesen Ausführungen falsch?

Falsch ist das in diesem Zitat unterstellte Klassenbündnis. In der Realität ergriff die Arbeiterklasse im Oktober im Bündnis mit der gesamten Bauernschaft die Macht. "Im Oktober 1917 ergriffen wir die Macht mit der Bauernschaft als Ganzem. Das war eine bürgerliche Revolution ..." (Lenin Bd. 29, S. 189)

Falsch ist die Behauptung, dass die Oktoberrevolution den Kapitalismus zerschlagen, dass sie die Kapitalisten expropriiert habe. Den Kulaken ist 1917 nichts geschehen, ganz im Gegenteil, sie waren die eigentlichen Gewinner des Oktobers. Die Produktionsmittel des industriellen Kapitals werden im Oktober nicht enteignet, sondern einer "Arbeiterkontrolle" gegen eine mögliche kapitalistische Sabotage unterstellt.

Falsch ist weiterhin, dass im Oktober bereits der sozialistische Sowjetstaat gegründet worden sei. Der Versuch der Aufrichtung einer sozialistischen Gesellschaft wurde in Russland zum ersten Mal in den Jahren von 1918 bis 1921 unternommen (der sog. "Kriegskommunismus") und ist unbestritten gescheitert. Über ein Jahrzehnt später, mit der Stalinschen Kollektivierungspolitik, wurde der Versuch der Aufrichtung einer sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion erfolgreicher angegangen.

Richtig an den Ausführungen des "Kurzen Lehrgangs" ist die These, dass mit der Oktoberrevolution "die Ära der proletarischen Revolution eröffnet" wurde; richtig ist weiterhin, dass die Oktoberrevolution den Bauern das Land gegeben hat, (aber eben nicht entsprechend dem bolschewistischen, sondern entsprechend dem sozialrevolutionären Parteiprogramm, welches die Vorstellungen der russischen Bauernschaft widerspiegelte), und richtig ist auch, dass mit der Aufrichtung der Sowjetmacht ein neuer Staatstypus begründet wurde.

Alle diese nicht zufälligen Ungenauigkeiten und Fehler des Zitates aus dem "Kurzen Lehrgang" kulminieren in einem Punkt: Sie unterstellen eine faktische Identität von proletarischer Revolution und sozialistischem Inhalt. Dies aber entspricht nicht den Tatsachen. In dieser Ineinssetzung von proletarischer Revolution und vermeintlich unausweichlichen sozialistischem Inhalt besteht der innere Kern der Legende über die Oktoberrevolution. Die vermeintliche Identität von proletarischer Revolution und daraus unvermeidlich folgendem sozialistischen Inhalt ist uns eigentlich als trotzkistische Theorie bekannt. Leo Trotzki war es, der in seiner Konzeption der künftigen russischen Revolution den Satz aussprach, dass "gleichgültig unter welcher politischen Fahne" das Proletariat zur Macht kommt, es "gezwungen sein (wird) eine sozialistische Politik zu verfolgen." (L. Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, Ffm. 1971, S.13) Für ihn war es unvermeidlich, den Klassenkampf in das russische Dorf zu tragen und hier "ein möglichst großes Feld für die Organisierung der sozialistischen Wirtschaft in Besitz zu nehmen". (Ebd. S. 106/108) Dieses Programm wurde im Sommer 1918 Realität und führte zu einer vollständigen Niederlage der russischen Arbeiterbewegung, die im Frühjahr 1921 mit dem Kurswechsel zur NEP anerkannt wurde. Dieser Kurs aber wurde im Sommer 1918 von der Gesamtheit der Führung der bolschewistischen Partei verfochten. Wie konnte es hierzu kommen?

Die Klassenverhältnisse in Russland 1917

Wenn wir die Oktoberrevolution verstehen wollen, ist es notwendig, die gesellschaftlichen Kräfte zu begreifen, die sie ermöglicht haben; ist es notwendig, einen Blick auf die Klassenverhältnisse Russlands zu werfen, um ihre Eigentümlichkeiten und Besonderheiten gegenüber den westeuropäischen Verhältnissen hervorzuheben. Diese Klassenkräfte werden ausführlicher in dem Buch "Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus" dargestellt. Zum russischen Proletariat und zur Bourgeoisie soll hier nur kurz das Resümee der dortigen Ausführungen angeführt werden. Auf die Rolle und Gestalt der russischen Bauernschaft muß allerdings etwas näher eingegangen werden.

Das russische Proletariat ist als Ergebnis überwiegend ausländischer Investitionen in wenigen industriellen Zentren und dort wiederum in industriellen Großbetrieben konzentriert. Obwohl es nur eine absolute Minderheit der russischen Bevölkerung ausmacht - je nach Statistik zwischen 3 und 6 Millionen der zwischen 165 und175 Millionen zählenden Bevölkerung Russlands - ist es durch seine Ballung in den politischen und industriellen Zentren (z.B. Petersburg und Moskau) ein wesentlicher politischer Faktor. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass die russische Arbeiterklasse nicht aus der Handwerkerschaft erwächst wie in Westeuropa, sondern vom Dorf kommt.

Im Gegensatz zum Proletariat ist die russische Bourgeoisie schwach. Ihr fehlt das städtische Kleinbürgertum als politische Stütze, ihre ökonomische Macht ist beschränkt - sie ist vielfach vom ausländischen Kapital und vom zaristischen Staat (durch Staataufträge) abhängig. Die Gründung einer eigenen politischen Partei erfolgt erst nach der Gründung der SDAPR. Eine Reihe ihrer führenden Ideologen entstammen der marxistischen Bewegung. Die hauptsächliche soziale Stütze der Kadettenpartei ist nicht das industrielle oder Handelskapital, sondern der liberale Landedelmann, organisiert in den Semstwos, regionalen Selbstverwaltungsorganen des Landadels.

Die große Masse der russischen Bevölkerung sind Bauern. Ihre Lebens- und Produktionsform war die Dorfgemeinde ("obcina" bzw. "mir" genannt). Diese Dorfgemeinde war kollektiver Besitzer des Grund und Bodens. Sie wurde nach der Bauernbefreiung von 1861 auch die unterste Verwaltungseinheit des Staates. Sie erhob die Steuern für den Zarismus, regelte den Zuzug oder das Verlassen der Dorfgemeinde.

Individuelles Eigentum an Grund und Boden ist für die Bauern der zentralrussischen Rayons untypisch. Agrarverhältnisse, die auf dem Privatbesitz an Grund und Boden beruhen, treffen wir in der Ukraine, dem Baltikum, den kosakischen Siedlungsgebieten und in Sibirien. Die Hauptmasse der russischen Bauernschaft aber lebt in den zentralrussischen Rayons und sieht in der Dorfgemeinde ihre natürliche Existenzgrundlage.

Der kollektive Bodenbesitz der Dorfgemeinde wird je nach Region regelmäßig umgeteilt (entweder alle 3, 6 oder 12 Jahre). Die Umteilung erfolgt nach der sogenannten Arbeits- oder Verbrauchsnorm. Bei der Umteilung nach der Arbeitsnorm erfolgt die Landzuteilung entsprechend der Anzahl der Arbeitskräfte der Bauernfamilie, bei der Umteilung nach der Verbrauchsnorm erfolgt die Zuteilung nach Anzahl der Familienmitglieder.

Die regelmäßige Umteilung des Landes stellt ein großes Hindernis bei der Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktivkräfte dar. Der einzelne Bauer besitzt weder ein Interesse, den Boden zu verbessern, noch hat er Interesse an der Herausbildung des kapitalistischen Privateigentums in der Landwirtschaft, da dies zur Auflösung der Dorfgemeinde führen würde. Für den mir-Bauern ist die Dorfgemeinde Rückhalt in den periodisch auftretenden Hungersnöten und Kampforgan zur Artikulierung seiner Interessen gegen Grundbesitz und Regierung.

Bei seinem Versuch der Bauernbefreiung 1861 hatte der Zarismus die Stellung der Dorfgemeinde faktisch gestärkt, indem er sie zur Institution erhob, die die Verhandlungen mit den Gutsbesitzern um die Bauernbefreiung vor Ort zu führen hatte und die kollektiv für die Ableistung der Steuern und Schulden haftete. Nach der ersten russischen Revolution von 1905 änderte der Zarismus seine Politik gegenüber der Dorfgemeinde. Mit Stolypin als Ministerpräsidenten wurde die Auflösung der Dorfgemeinde und die Schaffung einer auf eigenem Grund und Boden wirtschaftenden Bauernschaft das erklärte Ziel der zaristischen Regierung. Diese 1907 begonnene Politik fand spätestens 1914 mit Ausbruch des I. Weltkrieges ihr Ende, ohne die Existenz des "mir" in den zentralrussischen Rayons ernsthaft gefährdet zu haben.

Im Gegensatz zu Stolypin, der der Dorfgemeinde den entschiedenen Kampf angesagt hatte und in ihr das Haupthindernis einer kapitalistischen Modernisierung Russlands sah, begriffen die Marxisten einschließlich Lenins die noch immer vorhandene reale gesellschaftliche und politische Bedeutung der Dorfgemeinde nicht. Für die Marxisten war die Dorfgemeinde ein weitgehend abgestorbenes Relikt vergangener Zeiten, an dem nur eine Handvoll unverbesserlicher Slawophilen noch Gefallen fand. Wenn Lenin die Forderung nach der Nationalisierung des Bodens erhob und in dieser Forderung den Willen der Bauernschaft verkörpert sah, so sah er den freien kapitalistischen Farmer als Ergebnis dieser Nationalisierung, der russische Bauer dagegen sah in dieser Forderung nichts anderes als die Erneuerung der Dorfgemeinde durch die Aneignung des Adelslandes.

Ihre Sicht der Verhältnisse setzte die Bauernschaft in der Oktoberrevolution durch. Sie lehnte beide Wege der offen kapitalistischen Entwicklung der Agrarverhältnisse ab, sowohl den stolypinschen, der die Besitztitel des Adels nicht antasten wollte, wie den leninschen, der den Adel zur Schaffung "einer freien kapitalistischen Bauernschaft" enteignen wollte. Die große Masse der russischen Bauernschaft wollte weder den "preußischen", noch den "amerikanischen" Weg zum Kapitalismus. Sie wünschte die Beseitigung aller kapitalistischen Elemente in der Agrarwirtschaft, den Weg der Liquidierung der stolypinschen Reform nach rückwärts, hin zur erneuten Stärkung der Dorfgemeinde bei gleichzeitiger Enteignung des Großgrundbesitzes und der Umteilung des gesamten russischen Bodens.

Dabei war die Bauernschaft bereit, den Weg der revolutionären Durchsetzung ihrer Interessen einzuschlagen, da sie nur so in den Besitz des Adelslandes gelangen konnte. Ihr Anliegen war, "auf dem vorhandenen historischen Boden" der Dorfgemeinde sich das Land des Adels anzueignen, um ihre archaische, weitgehend noch nicht kapitalistische Form der Landwirtschaft fortzuführen. In der gesellschaftlichen Praxis allerdings würde eine solche Reform der Agrarverhältnisse ihren antikapitalistischen Ansatz bald verlieren. Die kapitalistischen Elemente innerhalb der Dorfgemeinde, die Kulaken, die im Gegensatz zu den Kleinbauern im Besitz des Zugviehs waren, würden bei einer solchen Umwälzung der Verhältnisse die größten Gewinner auf dem Lande sein. Die Entwicklung des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft würde sich so schleichend innerhalb der Dorfgemeinschaft entwickeln, und nicht wie von Stolypin oder Lenin konzipiert, im offenen Kampf gegen die Dorfgemeinde. Genau diese Entwicklung setzt die Bauernschaft im Oktober durch.

Die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft

Wie nun sah auf dem Boden dieser Klassenkräfte das Programm aus, mit dem die Bolschewiki in das Revolutionsjahr 1917 eintraten?

In seiner Schrift "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution" von 1905 entwickelte Lenin seinen Gedanken von der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft". Diese "Losung", so Lenin, "erkennt vorbehaltlos den bürgerlichen Charakter der Revolution an, die unfähig ist, über den Rahmen einer nur demokratischen Umwälzung unmittelbar hinauszugehen, treibt aber zugleich diese Umwälzung vorwärts, ist bestrebt, dieser Umwälzung die für das Proletariat vorteilhaftesten Formen zu geben, und ist folglich bestrebt, die demokratische Umwälzung für die Zwecke des weiteren erfolgreichen Kampfes des Proletariats für den Sozialismus in denkbar bester Weise auszunutzen." (LW Bd. 9, S. 77)

Lenins Ausgangspunkt war der für ihn unzweifelhaft bürgerliche Charakter der anstehenden Revolution. Nur, bei Lenin sollte diese bürgerliche Revolution unter der Führung des Proletariats - und nicht unter der Führung der Bourgeoisie - vonstatten gehen. "Die Bolschewiki wiesen dem Proletariat die Rolle des Führers in der demokratischen Revolution zu. Die Menschewiki beschränkten seine Rolle auf die Aufgaben einer äußersten Opposition." (LW Bd. 13, S. 105) Der Gedanke einer politischen Führung des Proletariats in der bürgerlichen Revolution, das ist das qualitativ Neue an der leninschen Konzeption. Der konkrete Inhalt der proletarischen Hegemonie in der bürgerlichen Revolution sollte die Gewinnung der Bauernschaft als Bündnispartner des Proletariats sein. Nicht im Bündnis mit dem bürgerlichen Liberalismus (den Kadetten) sah Lenin die Möglichkeit eines vollständigen Sieges der Revolution, sondern nur im Bündnis mit der Bauernschaft. In diesen unterschiedlichen Klassenbündnissen lagen letztendlich die verschiedenen politischen Konzeptionen von Menschewismus und Bolschewismus begründet. Während der Menschewismus in seinen verschiedenen Flügeln auf das Bündnis mit der sich ökonomisch entwickelnden Klasse der Bourgeoisie setzte, verfocht Lenin das diametral entgegengesetzte Bündnis mit der russischen Bauernschaft.

Die Bauernschaft aber forderte die "schwarze Umteilung", d.h. die Aufteilung des gesamten Grund und Bodens unter die Bauern entsprechend der Arbeits- oder Verbrauchsnorm. In ihrer Vorstellungswelt existierten keine "freien kapitalistischen Farmer" wie in der leninschen Vision von den Folgen der "schwarzen Umteilung", keine auf privatem Grundbesitz arbeitenden westeuropäischen Bauern, wie sie sich die Menschewiki und Kadeteten als Ergebnis ihrer agrarpolitischen Vorstellungen erhofften. In der Vorstellungswelt der Masse der Bauernschaft sollte das Ergebnis der "schwarzen Umteilung" alles Land in den Besitz der Dorfgemeinden bringen, um so Lohnarbeit und Klassenspaltung auf dem Dorf aufzuheben und der Dorfgemeinde eine neue Zukunft zu geben.

Lenin war bereit, in der bürgerlichen Revolution der Bauernschaft bis zur schwarzen Umteilung entgegenzukommen. Dieses Entgegenkommen fiel ihm um so leichter, als er fortwährend den Entwicklungsstand des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft überschätzte. Für Lenin bedeutete die Losung der "schwarzen Umteilung" nichts anderes als die "ideologische Verkleidung" der Forderung nach völliger Umwälzung der Agrarverhältnisse und Schaffung eines freien kapitalistischen Farmers. "Der Schall der Worte von Ausgleichung, Sozialisierung usw. wird verhallen, denn bei der Warenproduktion kann es keine Gleichheit geben. Doch die Tat bleibt, d.h. es bleibt der unter dem Kapitalismus größtmöglichste Bruch mit der feudalen Vergangenheit." (LW Bd. 13, S. 281) Und an anderer Stelle: "Die bäuerliche Agrarrevolution bedeutet nichts anderes als die Unterwerfung des gesamten Grundbesitzes unter die Bedingungen des Fortschritts und des Aufblühens dieser Farmerwirtschaften." (LW Bd. 13, S. 318)

Die Aprilthesen Lenins

Kommen wir nun zum Jahr 1917. Hier erfährt der leninsche Revolutionsplan eine grundlegende Änderung. Diese Änderung ermöglicht es der bolschewistischen Partei, die Mehrheit des Proletariats zu gewinnen und damit den Sieg im Oktober vorzubereiten. Zugleich aber begründet dieser Wechsel in der strategischen Orientierung jene Serie von Niederlagen, die die russische Revolution in den Jahren von 1918 bis 1924 erleidet und die uns in der offiziellen Geschichtsschreibung als Sieg im Bürgerkrieg und als Durchsetzung der "Neuen ökonomischen Politik" verkauft werden.

Worin bestand nun die Wende in der politischen Orientierung der bolschewistischen Partei, die Lenin mit der Durchsetzung seiner Aprilthesen vornahm? Im Februar 1917 war die zaristische Regierung gestürzt worden. Die Massen der Arbeiter und Bauern (speziell in der Armee) stützten den Sowjet, der aber die Macht nicht übernehmen wollte und sie in die Hände einer bürgerlichen Regierung legte. Dies war der Ausgangspunkt der April-Thesen, des eigentlichen Ursprungs aller Legenden über den Oktober. Für Lenin war mit dem Sturz des Zarismus und durch das Bündnis der kleinbürgerlichen Sowjetmehrheit aus Menschewiki und Sozialrevolutionären mit der bürgerlichen Regierung die Etappe der bürgerlichen Revolution beendet. Für ihn war damit eine neue Revolution auf die Tagesordnung gesetzt worden: die sozialistische. Den Sozialismus allerdings konnte man nicht im Bündnis mit der Gesamtheit der Bauernschaft erkämpfen, sondern nur, indem man die arme Bauernschaft und die Tagelöhner von den reichen Bauern trennt und sie für die Positionen des revolutionären Proletariats gewinnt. Dies wird ab Mai 1917 die offizielle Linie der bolschewistischen Partei. Hören wir, wie Lenin selbst diesen Kurswechsel begründet:

"In ihrer ersten Etappe entwickelte sich also die Revolution so, wie es niemand erwartet hatte. (...) Die Eigenart der Lage besteht in der Doppelherrschaft. (...) Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats und der Soldaten; die Mehrheit der Soldaten besteht aus Bauern. Das eben ist die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Diese ´Diktatur´ aber hat mit der Bourgeoisie ein Übereinkommen getroffen. Hier eben ist eine Revision des ´alten´ Bolschewismus nötig. Die entstandene Lage zeigt, daß die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sich mit der Macht der Bourgeoisie verflicht. Eine erstaunlich eigenartige Lage. (...) Die bürgerliche Revolution in Russland ist abgeschlossen, insofern die Macht in die Hände der Bourgeoisie übergegangen ist. Hier widersprechen die ´alten Bolschewiki´: ´Sie ist nicht abgeschlossen - es gibt keine Diktatur des Proletariats und der Bauern.´ Aber der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist eben diese Diktatur. (...)"

Welche Folgerungen hat diese Einschätzung für das Agrarprogramm der Bolschewiki? Wiederum Lenin: "Die Agrarbewegung kann auf zweierlei Art verlaufen. Die Bauern nehmen den Grund und Boden, es kommt nicht zum Kampf zwischen dem Landproletariat und den wohlhabenden Bauern. Doch das ist wenig wahrscheinlich, denn der Klassenkampf wartet nicht. ...

Es gilt, die Forderung, sofort vom Land Besitz zu ergreifen, mit der Propaganda für die Schaffung von Sowjets der Landarbeiterdeputierten zu verbinden. Die bürgerlich-demokratische Revolution ist abgeschlossen. Das Agrarprogramm muss auf neue Art durchgeführt werden. Der gleiche Kampf der großen Besitzer mit den kleinen um die Macht, den wir jetzt hier haben, wird auch im Dorf vor sich gehen. Der Boden allein genügt den Bauern noch nicht. Die Zahl der Bauern, die keine Pferde besitzen, ist sehr gestiegen. Wir allein entfachen jetzt die Agrarrevolution, indem wir den Bauern sagen, dass sie sofort das Land nehmen sollen. (...) Die Aufgabe der Marxisten ist, den Bauern das Agrarprogramm klarzumachen; man muss das Schwergewicht des Programms auf den Sowjet der Landarbeiterdeputierten verlegen." (LW Bd. 24, S. 128/129, Rede auf der Petrograder Stadtkonferenz der SDAPR(B) Mitte April 1917. Hervorhebung von mir, A.S.) Ebenso äußert sich Lenin in Bd. 24., auf den Seiten 155, 366, 452.

Richtig an Lenins neuer politischer Konzeption war der radikale Bruch mit der Sowjetmehrheit. Nur indem die Partei der Bolschewiki sowohl die Fortsetzung der Kriegspolitik kritisierte und die sofortige Übergabe des Bodens in die Hände der Bauernschaft befürwortete, wurde die Machtergreifung im Oktober möglich. Bis zu Lenins Rückkehr nach Russland im April 1917 hatte die bolschewistische Partei in beiden Fragen mit der Sowjetmehrheit zusammengearbeitet und damit eine eigenständige politische Orientierung vermissen lassen.

Falsch an den Aprilthesen ist die in ihnen verfochtene neue Klassenkonstellation, die Lenin an die Stelle des alten Bündnisses von Proletariat und Bauernschaft setzen will. Die von ihm konstatierte "neue Erscheinung" einer "sich vertiefenden Kluft zwischen den Landarbeitern und den armen Bauern einerseits und den besitzenden Bauern andererseits" ist eine freie Erfindung, die er das gesamte Jahr 1917 für die entscheidenden Schwarzerdegebiete Russlands auch gar nicht erst nachzuweisen versucht. Die Orientierung auf die Landarbeiter und die armen Bauern fand keine Klassenkräfte in der gesellschaftlichen Realität Russlands, sie blieb das ganze Jahr 1917 eine leere Phrase der bolschewistischen Partei. Faktisch war sie nicht mehr als der Versuch einer klassenmäßigen Absicherung einer radikaleren politischen Richtung als sie die Sowjetmehrheit verkörperte, die bis August 1917 die Bauernschaft hinter sich hatte. Obwohl Lenin es durchaus nicht völlig ausschließen wollte, dass die "revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" - also das Bündnis mit der gesamten Bauernschaft - doch noch einmal Realität werden könne, spielte diese Möglichkeit in der strategischen Orientierung der Bolschewiki keine Rolle mehr.

Da die Bauernschaft bis August 1917 die sozialrevolutionär-menschewistische Mehrheit der Sowjets stützte, und damit faktisch deren Politik in der Kriegs- und in der Agrarfrage billigte, vollzog Lenin und mit ihm die bolschewistische Partei im April den theoretischen Schwenk zu den sog. armen Bauern und Landarbeitern. An die Stelle des alten, von den Bolschewiki und Lenin bis dahin favorisierten Klassenbündnisses, welches in der Sowjetmehrheit im Frühjahr/Sommer 1917 Realität geworden war, - dort aber die Politik des Bündnisses mit der Bourgeoisie verfolgte -, trat nun in der Konzeption der Bolschewiki ein neues Klassenbündnis, welches ihrer Vorstellung nach bereit und fähig wäre, in der Agrar- und Kriegsfrage mit der Bourgeoisie zu brechen und die Macht zum Aufbau des Sozialismus zu übernehmen.

Die Oktoberrevolution und die Agrarfrage

Was geschieht nun im Oktober? Ergreift das Proletariat im Bündnis mit der armen Bauernschaft die Staatsmacht und zerschlägt den Kapitalismus - wie es im "Kurzen Lehrgang" formuliert wurde - oder ergreift das Proletariat unterstützt und getragen von der gesamten russischen Bauernschaft die Macht und verkündet das Agrarprogramm der "schwarzen Umteilung"? Zweifelsfrei war das letztere der Fall und Lenin hat dies einige Zeit später auch in aller Deutlichkeit formuliert ("Im Oktober 1917 ergriffen wir die Macht mit der Bauernschaft als Ganzem. Das war eine bürgerliche Revolution ..." LW Bd. 29, S. 189).

Leo N. Kritzman, selbst Bolschewik, beschreibt die Auswirkungen der "schwarzen Umteilung": "Das Gesetz über die Sozialisierung des Grund- und Bodens, das alle Forderungen der Bauernschaft in der Agrarfrage verwirklicht hatte, bildete zusammen mit dem Ausscheiden aus dem imperialistischen Krieg die Grundlage für das politische Bündnis zwischen Proletariat und Bauernschaft; dieses Bündnis sicherte dem Proletariat bei der Eroberung der politischen Macht und ihrer Befestigung die Unterstützung der Bauernschaft. Aber dieses Gesetz, das die erste und notwendige Voraussetzung der proletarischen Revolution, die Übernahme der Macht durch das Proletariat, schaffen half, bedeutete gleichzeitig eine wesentliche Einschränkung der proletarischen Revolution, in der Landwirtschaft wurden die Großbetriebe nicht vergesellschaftet, sondern vernichtet und zersplittert, statt der proletarischen Expropriation des Kapitals erfolgte eine kleinbürgerliche (bäuerliche) Expropriation. Dies verschärfte nicht nur die dingliche Einseitigkeit, die wirtschaftliche Unvollständigkeit der proletarischen Revolution, sondern schränkte auch die soziale Grundlage der proletarischen Revolution fühlbar ein.

Millionen von Landarbeitern verschwanden und verwandelten sich zum großen Teil in kleine Eigentümer. Endlich wurde auch die landwirtschaftliche Basis der Industrie und der Stadt überhaupt eingeschränkt, denn der am meisten vergesellschaftete Teil der Landwirtschaft, dessen Warenproduktion für den Markt am stärksten war, der kapitalistische landwirtschaftliche Großbetrieb, wurde zu einem bäuerlichen Kleinbetrieb, der mehr den Charakter einer Bedarfswirtschaft trug; dieser Rückgang der Warenproduktion der Wirtschaft betrug allein mindestens ein Sechstel der gesamten für den Markt erzeugten Produktion der Landwirtschaft (dem Werte nach)." (L. N. Kritzman; Ffm. 1971, Die heroische Periode der großen russischen Revolution; S. 72/73.)

Als Fußnote finden sich bei Kritzman folgende Zahlen: 1917 gibt es im europäischen Teil Russlands 2,1 Millionen landwirtschaftliche Arbeiter. Zwei Jahre später, 1919, gibt es noch ganze 34.000 landwirtschaftliche Arbeiter. "Folglich war auf Grund dieser Daten 1919 nur ein Zweiundsechzigstel der Zahl von 1917 beschäftigt. Nach den Angaben desselben Artikels von Strumilin betrug die Zahl der Landarbeiter im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Arbeiter 1917 - 30,8 Prozent, 1919 - 1,3 Prozent; d.h., eine große Schicht des Proletariats war praktisch verschwunden." (L. N. Kritzman; Ffm. 1971, Die heroische Periode der großen russischen Revolution; S. 73) Die große Masse der landwirtschaftlichen Arbeiter war inzwischen mir-Bauer geworden.

Was bedeutet dies für den Charakter der Oktoberrevolution?

Die "große sozialistische Oktoberrevolution", wie sie fortwährend in den osteuropäischen Publikationen betitelt wurde, erweist sich als proletarische Minoritätenrevolution (das Proletariat in Russland war eine Minorität), die in ihrem ökonomischen und politischen Programm letztlich nicht über die von Lenin bereits 1905 konzipierte "revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" hinausgehen konnte. Diese Diktatur konnte allerdings nur auf dem Boden eines vollständigen Sieges der "bäuerlichen Agrarrevolution", d.h. der Umsetzung der "schwarzen Umteilung" errichtet werden. (siehe dazu "Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus" S. 114-121).

Noch deutlicher wird dieses Problem, wenn wir den Bürgerkrieg und den sog. "Kriegskommunismus" betrachten. Scheinbar Belege für den sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution, beweisen sie nur das vollständige Scheitern aller sozialistischen Anläufe in der Industrie und in der Landwirtschaft.

Ab Mai 1918 bahnte sich in Russland eine Hungerkatastrophe an. Durch den Verlust der Ukraine (Frieden von Brest-Litowsk) und durch die Umwandlung der warenproduzierenden Güter des Landadels in bäuerliche Subsistenzwirtschaften verknappte sich die Getreideproduktion deutlich. Da die sozialistischen Vorstellungen in der Köpfen der bolschewistischen Führung keine diesen Verhältnissen entsprechenden wirtschaftspolitischen Beschlüsse über das Verhältnis von Stadt und Land zuließen (will heißen: Naturalsteuer und Getreidehandel), wurde statt dessen theoretisch der Produktenaustausch (also ohne Geld) zwischen Stadt und Land propagiert und praktisch die Ablieferungspflicht der Getreideüberschüsse angeordnet. Da die Industrie kaum nützliche Produkte für das Land erzeugte und die Bauern nach ihren Erfolgen in der Revolution nicht daran dachten, freiwillig das Getreide abzuliefern, welches auf dem Markt mit großem Gewinn verkaufbar war, traten an die Stelle ökonomischer Beziehungen zwischen Stadt und Land militärische.

Anders ausgedrückt, liegen die Ursachen des Bürgerkrieges hauptseitig in der verfehlten - weil vermeintlich sozialistischen Wirtschaftspolitik - der Bolschewiki. Sie begannen den Krieg mit dem Dorf zur Bekämpfung der Hungersnot der städtischen Arbeiter. Ihre Instrumente für diesen Krieg waren die Anordnung zur Bildung sog. "Komitees der Dorfarmut" und die Schaffung bewaffneter Arbeiterabteilungen zur Getreiderequisition. Die Komitees der Dorfarmut wurden durch ein Dekret vom 11. Juni 1918 ins Leben gerufen. "Zum Wirkungsbereich der Komitees der Dorfarmut gehörten laut Dekret: die Verteilung von Getreide, Gütern des dringenden Bedarfs und landwirtschaftlichen Geräten; die Unterstützung der örtlichen Organe des Ernährungswesens bei der Beschlagnahme von Getreideüberschüssen bei Kulaken und Reichen." (Aus einer Anmerkung LW Bd. 27, S. 594/95) Die Komitees wurden durch ein Dekret Ende desselben Jahres neu gewählt und in die Dorfsowjets integriert.

Lenin zur Bedeutung dieser Komitees: "Genossen, unsere Ernährungspolitik wird durch die folgenden drei wichtigsten Akte gekennzeichnet, die sich chronologisch folgendermaßen darbieten: der erste ist der Beschluss über die Bildung der Komitees der Dorfarmut, ein Schritt, der die eigentliche Grundlage unserer Ernährungspolitik bildet und zugleich ein ungeheuer wichtiger Wendepunkt in der ganzen Entwicklung und Struktur unserer Revolution ist. Mit diesem Schritt sind wir über jene Grenze hinausgegangen, die die bürgerliche Revolution von der sozialistischen trennt." Hier formuliert er klar, dass die Bolschewiki mit diesem Schritt die Revolution in das Dorf tragen wollen und in der Dorfarmut ihre natürlichen Verbündeten sehen. Ziel dieser Revolution soll die sozialistische Umgestaltung der Agrarverhältnisse sein. Lenin dazu weiter: "Selbstverständlich wird man nicht mit einem Schlag überall zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung übergehen können. Die Kulaken werden sich dem in jeder Weise widersetzen, ja auch die Bauern selbst sträuben sich häufig hartnäckig gegen die Durchführung gemeinwirtschaftlicher Prinzipien in der Landwirtschaft. ... Wir Bolschewiki waren Gegner des Gesetzes über die Sozialisierung des Grund und Bodens, trotzdem haben wir es unterzeichnet, denn wir wollten nicht dem Willen der Mehrheit der Bauernschaft entgegen handeln. (...) Wir wollten der Bauernschaft nicht den ihr fremden Gedanken aufzwingen, dass mit der ausgleichenden Verteilung des Bodens nichts erreicht werde. Wir waren der Ansicht, dass es besser ist, wenn die werktätigen Bauern selbst, am eigenen Leibe, zu spüren bekommen, dass die ausgleichende Bodenverteilung Unsinn ist. Erst dann wollten wir sie fragen, wo sich denn der Ausweg bietet aus dem Ruin, aus der Vorherrschaft der Kulaken, dieser Folgeerscheinung der Aufteilung des Grund und Bodens.

Die Aufteilung war gut nur für den Anfang. Sie musste zeigen, dass der Boden den Gutsbesitzern weggenommen wird, dass er an die Bauern übergeht. Aber das ist nicht genug. Der einzige Ausweg liegt in der gemeinsamen Bodenbestellung. Diese Erkenntnis fehlte euch, doch das Leben selbst bringt euch zu dieser Überzeugung. Kommunen, artelmäßige Bodenbestellung, bäuerliche Genossenschaften - das ist die Rettung aus den Nachteilen des Kleinbetriebes." (alle Zitate LW Bd. 28., S. 170/171. Rede an die Delegierten der Komitees für Dorfarmut. November 1918. Unterstreichungen von mir, A.S.)

Weder das Leben noch die Bolschewiki vermochten den Bauern in den Jahren von 1918 bis 1921 sozialistische Produktionsformen in der Landwirtschaft nahezubringen. Stalin formuliert die Stimmung der Bauernschaft in knappen Worten: "Die ... ungünstige Lage ist dadurch zu erklären, daß der Frontsoldat, der ´tüchtige Mushik´, der im Oktober für die Sowjetmacht kämpfte - sich gegen die Sowjetmacht gewandt hat (er hasst aus tiefstem Herzen das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisitionen, die Bekämpfung der Hamsterei." (SW Bd. 4, S.107, Brief an Lenin vom 04. August 1918)

Diese Zitate belegen, dass die Hungersnot in der Hauptseite ein Produkt fehlerhafter ökonomischer Politik der Bolschewiki war. Die Aufrechterhaltung des Getreidemonopols ohne die Existenz eines halbwegs funktionierenden Warenaustausches zwischen Stadt und Land verführt jeden Bauern zur Zurückhaltung des Getreides, weil es keinen Anreiz für den Handel mit der Stadt gibt. Ursache dieser fehlerhaften Politik war die Einschätzung, dass man sich seit dem Oktoberumsturz auf dem Weg zur Aufrichtung des Sozialismus befände. Wie derselbe allerdings aufzurichten sei, insbesondere wie die Verbindung zwischen Stadt und Land, zwischen nationalisierten Betrieben, die den Charakter staatskapitalistischer Unternehmungen annehmen sollten, und der Kleinbauernwirtschaft stattfinden sollte, darüber existierten keine konkreten Vorstellungen. Welche Vorteile in dieser Situation irgendwelche Sozialisierungen der Agrarproduktion für die Bauernschaft bringen sollten, war keinem vermittelbar. Die Hungersnot der Städte veranlasste die Bolschewiki, ihre Agrarpolitik nach links zu radikalisieren und somit den Bürgerkrieg auszulösen.

Kurze Zeit nach dem Ausbrechen der Bauernrevolten gegen das Getreidemonopol und die Requisition des Getreides durch bewaffnete Arbeiterabteilungen bricht der Aufstand der sog. "Tschechischen Division" los, proklamieren zaristische Generäle, finanziert vom Ausland, in den russischen Randgebieten ihre Erhebungen und einige Monate später landen die ersten ausländischen Expeditionskorps. In der offiziellen Geschichtsschreibung existieren nur die konterrevolutionären Generäle und die ausländischen Interventionstruppen (siehe dazu: Kurzer Lehrgang S. 273/274). Die wesentliche Ursache des Bürgerkrieges, "das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisitionen, die Bekämpfung der Hamsterei" (Stalin), der Versuch der Bolschewiki, den Klassenkampf aufs Dorf zu tragen, findet dort keine Erwähnung. Die fehlerhafte Politik der Bolschewiki wird in Umkehrung der Tatsachen dem Bürgerkrieg angelastet. In der offiziellen Geschichtsschreibung hat nicht die linke Politik den Bürgerkrieg losgetreten, sondern wird uns erzählt, dass diese Politik aus den Notwendigkeiten des Bürgerkrieges (sog. "Kriegskommunismus") entstanden sei.

In der Realität waren es die konterrevolutionären Erhebungen der zaristischen Generäle und die ausländischen Interventionstruppen, die die Bauernschaft der zentralrussischen Rayons wieder an die Seite der Bolschewiki gebracht haben. Die Konterrevolution wollte ebenso wie die ausländischen Interventionisten die Agrarreform vom Oktober 1917 rückgängig machen. Für die Verteidigung ihres Landes war die Bauernschaft der zentralrussischen Rayons bereit, "das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisition, die Bekämpfung der Hamsterei" zu dulden. Nach der Niederwerfung der letzten Interventionstruppen und zaristischen Generäle im Herbst 1920 war es aber mit ihrer Bereitschaft, diese Politik der Bolschewiki zu dulden, vorbei. Eine neue Welle von Bauernaufständen erschütterte die Sowjetunion und brachte die bolschewistische Macht an den Rand des Abgrundes, bis im Frühjahr 1921 die Bolschewiki ihre "Rotgardistische Attacke" auf das Dorf einstellten und mit der NEP den Wünschen der Bauernschaft Rechnung trugen und damit praktisch von allen sozialistischen Umgestaltungen der Agrarverhältnisse erst einmal Abschied nahmen.

Rückblickend auf diese Periode der Revolution formuliert Lenin im Oktober 1921: "Wenn Sie sich die Erklärungen, offizielle wie nichtoffizielle, die unsere Partei von Ende 1917 bis Anfang 1918 abgab, ins Gedächtnis zurückrufen, so werden Sie sehen, dass wir auch damals die Vorstellung hatten, die Entwicklung der Revolution, die Entwicklung des Kampfes könne ebenso einen verhältnismäßig kurzen wie einen sehr langen und schweren Weg nehmen. Aber bei der Einschätzung der möglichen Entwicklung gingen wir größtenteils, ich erinnere mich nicht einmal an Ausnahmen, von der Annahme aus, die vielleicht nicht immer offen ausgesprochen, aber doch stillschweigend vorausgesetzt wurde - von der Annahme, dass wir unmittelbar zum sozialistischen Aufbau übergehen. Ich habe eigens noch einmal durchgelesen, was beispielsweise im März und April 1918 über die Aufgaben unserer Revolution auf dem Gebiet des sozialistischen Aufbaus geschrieben wurde, und habe mich davon überzeugt, dass eine solche Annahme bei uns tatsächlich vorhanden war." (LW Bd. 33, S.67. Hervorhebung von mir, A.S.)

Mit dem Übergang zur neuen ökonomischen Politik beginnt die Partei in der Praxis, den bürgerlichen Inhalt der vom Proletariat durchgeführten Oktoberrevolution anzuerkennen (Aufhebung des Getreidemonopols, Freiheit des Handels, Zulassung von Lohnarbeit, Privatisierung von Klein- und Mittelbetrieben, Vergabe von Konzessionen an ausländische Kapitalisten etc.).

Was macht es so schwer, den bürgerlichen Inhalt der Oktoberrevolution zu sehen und anzuerkennen?

(1) Die führenden Köpfe der bolschewistischen Partei im Jahre 1917 waren alle von einem westeuropäischen Marxismus geprägt. Ihr Verständnis der russischen Revolution stand im Kontext der erwarteten Revolutionen in Westeuropa. Sie begriffen alle (Lenin, Trotzki, Sinowjew, Kamenjew, Radek, etc.) die russische Revolution nur als Vorboten der proletarischen Revolution in Westeuropa. Eine eigenständige bürgerliche Etappe der russischen Revolution war für sie unter den Bedingungen des Imperialismus und des erwarteten Losbrechens der proletarischen Revolution im Westen nicht mehr vorstellbar. Diese Fehleinschätzung des Entwicklungsstandes der kapitalistischen Verhältnisse teilten sie mit allen führenden westeuropäischen Marxisten und Revolutionären.

(2) Die europäische Prägung des russischen Marxismus verhinderte ein Begreifen der speziellen russischen Agrarverhältnisse. Diese Verhältnisse erschienen selbst Lenin, der sie von allen russischen Marxisten wohl am gründlichsten studiert hatte, nur als eine etwas rückschrittliche Form der Agrarentwicklung Europas. Selbst für Lenin war es ganz und gar unglaubwürdig, dass die russische Bauernschaft einschließlich ihrer kulakischen Elemente die "schwarze Umteilung" tatsächlich anstreben würde. Er hielt diese Losung für die ideologische Verkleidung des Wunsches der Bauernschaft "freie kapitalistische Farmer" zu werden.

(3) Das russische Proletariat wie die Bauernschaft verband nichts, aber auch gar nichts, mit der bürgerlichen Republik und dem Kapitalismus. Mit der Schaffung der Sowjets war für diese beiden Klassen die Frage der Staatsform praktisch entschieden (die Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung 1918 interessierte außer einer handvoll Intellektueller keinen Arbeiter oder Bauern in Russland). Der Kapitalismus als Wirtschaftssystem war beiden Klassen ebenso verhasst, selbst der Kulak sah seinen Wohlstand am prächtigsten in der Dorfgemeinde gedeihen und hatte kein Interesse an selbständigem Bodenbesitz oder freiem Farmertum.

(4) Die Hauptklassen der russischen Gesellschaft setzten ihre Vorstellungen in der Zeit von Oktober 1917 bis Mai 1918 konsequent um. Die Bauernschaft, wie bereits dargestellt, ihre Vorstellungen von der "schwarzen Umteilung", die Arbeiterschaft, soweit sie nicht in das Dorf zurückkehrte (was massenhaft geschah), "sozialisierte" die Fabriken weit über jenes Maß hinaus, welches ökonomisch sinnvoll und staatlich verwaltbar gewesen wäre. Diese Politik wurde von Lenin Anfang 1918 wiederholt kritisiert, ab Mai 1918 aber offizielle Parteilinie. Die Mehrheiten in der Partei spiegelten hier die spontanen Stimmungen der Arbeitermassen wider, die die vollständige Aufrichtung des Sozialismus forderten. Auf dem Boden der Zuspitzung der Getreidekrise ab Mai 1918 (Hungersnot in den Städten) stellte sich die Führung der bolschewistischen Partei an die Spitze dieser Strömung und versuchte über den sog. "Kriegskommunismus" eine direkte Aufrichtung sozialistischer Produktionsverhältnisse in Stadt und Land.

(5) Im Westen Europas wurde die Oktoberrevolution zwar richtig als proletarische Revolution in einem zurückgebliebenen Land gewertet. Speziell die Linken im europäischen Marxismus konnten sich aber eine bürgerliche Etappe unter proletarischer Führung nicht vorstellen. Rosa Luxemburg kritisierte bereits die russischen Zugeständnisse an die Bauernschaft im Oktober 1917. Ein Verständnis von der Oktoberrevolution als einer proletarischen Revolution mit bürgerlichen Inhalten und Aufgabenstellungen war in der Vorstellungswelt der europäischen Linken, die sich später in der 3. Internationale organisierten, nicht gegeben. Mit diesem fehlerhaften und unzureichenden Verständnis der Oktoberrevolution bereiteten sie die kommenden Niederlagen der westeuropäischen Arbeiterbewegung vor. "Das Wesen der 20. Jahrhunderts besteht darin, daß das Proletariat die revolutionären Krisen zur Eroberung der politischen Macht nutzen muß, daß aber diese Revolutionen nur siegreich sein können, wenn sie ihrem sozialen Inhalt nach bürgerliche Revolutionen sind. Nur als Führer einer bürgerlichen Volksrevolution mit entsprechend breitem Klassenbündnis kann das Proletariat im 20. Jahrhundert die Macht ergreifen. Dies ist das Wesen des russischen Oktobers, der das 20. Jahrhundert einleitete. (...) Dieses Wesen des 20. Jahrhunderts hat der europäische Marxismus nie begriffen." (Kommunistische Presse, Nr. 28, S. 3)


Schriftliche Fassung eines Referates zum Jahrestag der Oktoberrevolution aus dem Jahre 1997. Es handelt sich bei diesem Text um die gekürzte Version einer längeren schriftlichen Arbeit zum Thema "Oktoberrevolution und ihre Auswirkungen auf die Arbeiterbewegungen Westeuropas", die demnächst ebenfalls hier veröffentlicht wird.