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Theorie und Politik der Kommunisten im 20. Jahrhundert hatten ihren Ursprung in der russischen Oktoberrevolution. Die siegreiche Revolution von 1917 war die faktische Geburtsstunde der kommunistischen Bewegung. Bis zum August 1914 hatte die deutsche Sozialdemokratie das politische und theoretische Gesicht der marxistischen Bewegung in Europa bestimmt. Mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten und der Unterstützung von Junkertum und Bourgeoisie im I. Weltkrieg hatte die deutsche Sozialdemokratie ihre Rolle als Führerin dieser Bewegung ausgespielt. [1] Mit der Oktoberrevolution von 1917 übernahm ein Flügel der russischen Sozialdemokratie, die Bolschewiki, die Rolle der theoretischen und politischen Führung des revolutionären Proletariats.
Wenn wir heute - fünfundachtzig Jahre später - die Siege und die noch bedeutsameren Niederlagen der Arbeiterbewegung in diesem Zeitabschnitt erklären wollen, müssen wir uns mit der Ausformung der marxistischen Theorie auseinander setzen, die im russischen Oktober politische Gestalt gewonnen hat. Mit dem russischen Oktober wird der Leninismus, wird der russische Bolschewismus zu einer in ganz Europa wirksamen Theorie und Politik des revolutionären Flügels der Arbeiterbewegung; der russische Oktoberumsturz wird zum Katalysator der Gründung kommunistischer Parteien im Westen Europas. Diese Parteien blickten alle nach Osten, zur ersten siegreichen proletarischen Revolution im 20. Jahrhundert. Mit der Gründung der III. Internationale gewinnt die auf der siegreichen Oktoberrevolution fußende theoretisch-politische Hegemonie der russischen Kommunisten über die europäische Arbeiterbewegung organisatorische Gestalt. Heute, nach den unübersehbaren Niederlagen, müssen wir deshalb den Blick ebenfalls nach Osten und erneut auf den russischen Oktober richten, um zu verstehen, auf welchen gesellschaftlichen, auf welchen theoretischen und politischen Positionen die Gründung der kommunistischen Bewegung erfolgte.
In http://www.kalaschnikow.de wurden in den letzten Wochen zwei Beiträge veröffentlicht, die sich mit der russischen Oktoberrevolution befassen. Klaus Wagener gelangt in einem mehr feuilletonistischen Artikel zu der Schlussfolgerung "dass geschlagene Armeen am besten lernen. Sie können es nur, wenn sie ihre Fehler kennen und daraus neue Konzepte entwickeln." Ein guter Ratschlag, den der Autor selbst aber nicht befolgt. Er belässt es bei dem zitierten Ratschlag.
Anders der zweite Artikel, der bereits in seiner Überschrift "Der bürgerliche Charakter des Bolschewismus" den Übeltäter für die Niederlagen der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert ausmacht. Zu dieser Erkenntnis gelangen die Autoren nach einem Parforce-Ritt durch die Geschichte, beginnend mit der europäischen Sozialdemokratie am Ende des 19. Jahrhunderts, über die russische Revolution von 1905, die Oktoberrevolution von 1917, den Kronstädter Aufstand von 1921 bis hin zum "Stalinismus". Der wissenschaftliche Gehalt dieser Ausführungen wird bereits auf der ersten Seite deutlich. "Die russische Wirtschaft stellte eine Kombination asiatisch rückständiger Agrarproduktion mit europäischer Industriewirtschaft dar", so die Autoren zu den gesellschaftlichen Verhältnissen Russlands vor der Oktoberrevolution. Keine fünf Zeilen später erfahren wir von denselben Autoren, dass "die russische Agrarwirtschaft (...) bis 1917 eine von kapitalistischen Elementen durchsetzte Feudalwirtschaft (war)." Dass diese Aussagen einander fundamental widersprechen, fiel den Autoren ebenso wenig auf, wie der Widerspruch zwischen der behaupteten "europäischen Industriewirtschaft" in Russland und der von ihnen zehn Zeilen später aufgestellten Behauptung, dass der russische Kapitalismus "keine Lohnarbeiterschaft (kannte)". Der Artikel erweckt insgesamt den Eindruck, dass die Autoren zwar über eine "feste Gesinnung" verfügen, die aber - wie bei vielen Linken üblich - auf dem ebenso "festen Fundament" mangelhafter Kenntnisse ruht.
Im Folgenden soll versucht werden, die Oktoberrevolution aus den Klassenkräften der russischen Gesellschaft herzuleiten. Die sich dabei ergebenden Schlussfolgerungen führen zu einer Neubewertung des Charakters der russischen Revolution mit weit reichenden Hinweisen für die Erklärung der Niederlagen der europäischen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert.
Wenn wir die Oktoberrevolution verstehen wollen, ist es notwendig, die gesellschaftlichen Kräfte zu begreifen, die sie ermöglicht haben; ist es notwendig, einen Blick auf die Klassenverhältnisse Russlands zu werfen, um ihre Gemeinsamkeiten mit den westeuropäischen Verhältnissen ebenso wie ihre Eigentümlichkeiten und Unterschiede zu verstehen. Diese Klassenkräfte werden ausführlicher in dem Buch "Von der Oktoberrevolution zum Bauernsozialismus" [2] dargestellt. Hier soll nur kurz das politisch Wesentliche der russischen Klassenverhältnisse angeführt werden. Auf die Rolle und Gestalt der russischen Bauernschaft muss allerdings etwas ausführlicher eingegangen werden.
Das russische Proletariat war in wenigen industriellen Zentren und dort wiederum in industriellen Großbetrieben konzentriert. Moskau und Petrograd, die "beiden Hauptstädte", waren zugleich die beiden führenden industriellen Zentren. Moskau war das Zentrum der russischen Textilindustrie mit ihrer starken Bindung an das umliegende Land, mit niedriger Produktivität und entsprechend geringem Lohnniveau. Petrograd dagegen war das Zentrum der Metall- und Maschinenbauindustrie sowie der staatlichen Rüstungsindustrie, der "modernen" russischen Industrie. Dies drückt sich in Petrograd in einer hohen Konzentration der Arbeiterklasse in industriellen Großbetrieben aus. "1913 waren 55 % der Petrograder Arbeiter in Großbetrieben mit mehr als 1000 Arbeitern beschäftigt." [3] Dieser Konzentrationsprozess wurde durch den Krieg weiter beschleunigt, da die Zahl der Beschäftigten in der Petrograder Metall- und Rüstungsindustrie kriegsbedingt stark anwuchs. Obwohl das Proletariat [4] nur eine absolute Minderheit der russischen Bevölkerung ausmachte - je nach Statistik zwischen 3 und 6 Millionen der zwischen 165 und 175 Millionen zählenden Bevölkerung Russlands - ist es durch seine Ballung in den politischen und industriellen Zentren (z. B. Petrograd und Moskau) ein wesentlicher politischer Faktor. Hinzu kommt die Tatsache, dass die russische Arbeiterklasse nicht aus der Handwerkerschaft erwuchs wie in Westeuropa, sondern vom Dorf kam, d. h. keine entwickelte ständische Gliederung (wie z. B. die deutsche Arbeiterklasse) besaß. [5]
Das städtische Kleinbürgertum, einer der natürlichen Träger der bürgerlich-demokratischen Bewegung im Westen Europas, ist in Russland auf Grund der Bedeutung der bäuerlichen Heimindustrie und der spärlichen kapitalistischen Entwicklung der russischen Städte schwach ausgebildet. "Die führende Klasse in den revolutionären Bewegungen Westeuropas war das Kleinbürgertum, vor allem das der Großstädte. (...) Von alledem war in Russland keine Rede. Die Städte, schwach und wenig zahlreich, meist sehr spät entstanden, haben dort nie jene kraftvolle Stellung errungen wie in Westeuropa, ihre Volksmasse hat sich auch nie wie dort von der ländlichen Bevölkerung abzusondern und über sie zu erheben verstanden. Die Masse der städtischen Handwerker bestand aus Bauern, und zahlreiche Handwerke wurden mehr auf dem Lande als in der Stadt betrieben. So fehlt in Russland das feste Rückgrat einer bürgerlichen Demokratie." [6] Politisch ist dieses städtische Kleinbürgertum zersplittert. Soweit es auf der Seite des "Volkes" steht, stellt es die Kader der Sozialrevolutionären Partei, aber ebenso - wenn auch in geringerem Umfang, der Menschewiki oder der Bolschewiki. Soweit dieses Kleinbürgertum zur Bourgeoisie tendiert, bildet es die städtische Grundlage der bürgerlichen Partei der Konstitutionellen Demokraten (Kadetten).
Im Gegensatz zum Proletariat ist die russische Bourgeoisie ebenso wie das städtische Kleinbürgertum schwach entwickelt. Altrichter verweist darauf, dass die russische Sprache den Begriff des Bürgers gar nicht kennt und stattdessen mit "Bourgeois" und "Bourgeoisie" "Lehnwörter aus dem Französischen mit deutlich negativem Unterton" übernimmt [7]. Ihr fehlt nicht nur das städtische Kleinbürgertum als politische Stütze, auch ihre ökonomische Macht ist beschränkt, sie ist vielfach vom ausländischen Kapital (so wird z. B. das neue schwerindustrielle Zentrum in der südlichen Ukraine/ Ural vom französischen und belgischen Kapital finanziert) und vom zaristischen Staat (durch Staatsaufträge) abhängig. Der schwerindustrielle (Petrograder) Flügel des Kapitals war auf Grund seiner Abhängigkeit von Staatsaufträgen in der Partei der Oktobristen [8] organisiert und verteidigte die ständisch organisierte Gesellschaft des Zarenreiches. Der textilindustrielle Flügel (Moskau) bildete die Grundlage der sog. Progressisten, einer bourgeoisen Dumagruppierung, die für demokratische Reformen unter dem Zarismus eintrat. Beide Gruppierungen entstanden erst nach der Revolution von 1905. Die zuerst gegründete und wichtigste politische Partei des russischen "Bürgertums" war die sog. "Kadettenpartei" [9]. Aber selbst ihre Gründung erfolgte erst nach der Gründung der russischen Sozialdemokratie, und eine Reihe ihrer führenden Ideologen (z. B. P. Struwe) entstammten der marxistischen Bewegung. Die hauptsächliche soziale Stütze dieser Partei war nicht das industrielle oder Handelskapital, sondern der liberale Landedelmann, organisiert in den Semstwos, regionalen Selbstverwaltungsorganen des Landadels, sowie die bürgerlich orientierten Teile der städtischen Intelligenz: Professoren, Ärzte und Rechtsanwälte.
Gemeinsam ist diesen verschiedenen Flügeln der Bourgeoisie nur die Erkenntnis ihrer politischen Schwäche, die in der Revolution von 1905 offen zu Tage trat. Das Proletariat betrat den Kampfboden der Revolution bereits als entschiedener Gegner der Bourgeoisie, und in der Agrarfrage war den bürgerlichen Parteien auf Grund ihrer sozialen Basis kein die Bauernschaft befriedigendes Programm möglich. So musste die russische Bourgeoisie spätestens seit 1905 als entschiedener Gegner der bürgerlichen Revolution auftreten. Diese Bourgeoisie will nicht die Macht, sie will vom Zarismus an der Macht beteiligt werden. Ihre einzige gemeinsame Forderung ist die "verantwortliche Regierung", was heißen soll, dass die zaristische Regierung in gewissem Umfang einer nach Zensuswahlrecht - also unter faktischem Ausschluss des Volkes - gewählten Duma aus Adel, Kapital und gehobenem Kleinbürgertum "verantwortlich" sein soll. Über den Umfang der "Verantwortlichkeit" sowie über den Umfang der Zensusbeschränkungen des Wahlrechtes gingen die Auffassungen ebenso auseinander wie über die wünschenswerten und weniger wünschenswerten bürgerlichen Freiheitsrechte unter der zaristischen Knute.
Die große Masse der russischen Bevölkerung waren Bauern. Ihre Lebens- und Produktionsform in den zentralrussischen Rayons war die Dorfgemeinde ("obscina" bzw. "mir" genannt). Diese Dorfgemeinde war kollektiver Besitzer des Grund und Bodens. Sie wurde nach der Bauernbefreiung von 1861 ebenso die unterste Verwaltungseinheit des Staates. Sie erhob die Steuern für den Zarismus, regelte den Zuzug oder das Verlassen der Dorfgemeinde.
Individuelles Eigentum an Grund und Boden war für die Bauern der zentralrussischen Rayons untypisch. Agrarverhältnisse, die auf dem Privatbesitz an Grund und Boden beruhen, treffen wir in der Ukraine, dem Baltikum, den kosakischen Siedlungsgebieten und in Sibirien. Die Hauptmasse der russischen Bauernschaft aber lebte in den zentralrussischen Rayons und sah in der Dorfgemeinde ihre natürliche Existenzgrundlage.
Der kollektive Bodenbesitz der Dorfgemeinde wurde je nach Region regelmäßig umgeteilt (entweder alle 3, 6 oder 12 Jahre). Die Umteilung erfolgte nach der so genannten Arbeits- oder Verbrauchsnorm. Bei der Umteilung nach der Arbeitsnorm erfolgte die Landzuteilung entsprechend der Anzahl der Arbeitskräfte der Bauernfamilie, bei der Umteilung nach der Verbrauchsnorm erfolgte die Zuteilung nach Anzahl der Familienmitglieder.
Die regelmäßige Umteilung des Landes stellte ein großes Hindernis bei der Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktivkräfte dar. Der einzelne Bauer besaß weder ein Interesse, den Boden zu verbessern, noch hatte er Interesse an der Herausbildung des kapitalistischen Privateigentums in der Landwirtschaft, da dies zur Auflösung der Dorfgemeinde führen würde. Für den mir-Bauern war die Dorfgemeinde Rückhalt in den periodisch auftretenden Hungersnöten und Kampforgan zur Artikulierung seiner Interessen gegen Grundbesitz, Kapital und Regierung.
Bei seinem Versuch der Bauernbefreiung 1861 hatte der Zarismus die Stellung der Dorfgemeinde faktisch gestärkt, indem er sie zur Institution erhob, die die Verhandlungen mit den Gutsbesitzern um die Bauernbefreiung vor Ort zu führen hatte und die kollektiv für die Ableistung der Steuern und Schulden haftete. Nach der ersten russischen Revolution von 1905 änderte der Zarismus seine Politik gegenüber der Dorfgemeinde. Mit Stolypin als Ministerpräsidenten wurde die Auflösung der Dorfgemeinde und die Schaffung einer auf eigenem Grund und Boden wirtschaftenden Bauernschaft das erklärte Ziel der zaristischen Regierung. Diese 1907 begonnene Politik fand spätestens 1914 mit Ausbruch des I. Weltkrieges ihr Ende, ohne die Existenz des "mir" in den zentralrussischen Rayons ernsthaft gefährdet zu haben.
Im Gegensatz zu Stolypin, der der Dorfgemeinde den entschiedenen Kampf angesagt hatte und in ihr das Haupthindernis einer kapitalistischen Modernisierung Russlands sah, begriffen die Marxisten einschließlich Lenins die noch immer vorhandene reale gesellschaftliche und politische Bedeutung der Dorfgemeinde nicht. Für die Marxisten war die Dorfgemeinde ein weitgehend abgestorbenes Relikt vergangener Zeiten, an dem nur eine Hand voll unverbesserlicher Slawophiler und utopischer Sozialrevolutionäre noch Gefallen fand. Wenn Lenin die Forderung nach Nationalisierung des Bodens erhob und in dieser Forderung den Willen der Bauernschaft verkörpert sah, so sah er den "freien kapitalistischen Farmer" als Ergebnis dieser Nationalisierung, der Bauer der zentralrussischen Rayons dagegen sah in dieser Forderung nichts anderes als die Erneuerung und Bereicherung der Dorfgemeinde durch die Aneignung des Adelslandes und des Bodens der "stolypinschen Bauern", die die Dorfgemeinde verlassen hatten.
Ihre Sicht der Verhältnisse setzte die Bauernschaft in der Oktoberrevolution durch. Sie lehnte beide Wege der offen kapitalistischen Entwicklung der Agrarverhältnisse ab, sowohl den stolypinschen, der die Besitztitel des Adels nicht antasten wollte, wie den leninschen, der den Adel zur Schaffung "einer freien kapitalistischen Bauernschaft" enteignen wollte. Die große Masse der russischen Bauernschaft wünschte die Beseitigung aller offen kapitalistischen Elemente in der Agrarwirtschaft, den Weg der Liquidierung der stolypinschen Reform nach rückwärts, hin zur erneuten Stärkung der Dorfgemeinde bei gleichzeitiger Enteignung des Großgrundbesitzes, der Wiedereinbeziehung aller Bodenanteile der durch die stolypinschen Reform geschaffenen Einzelbauern in die Dorfgemeinschaft, bis hin zur Umteilung des gesamten russischen Bodens.
Dabei war die Bauernschaft bereit, den Weg der revolutionären Durchsetzung ihrer Interessen einzuschlagen, da sie nur so in den Besitz des Adelslandes gelangen konnte. Das Anliegen der Bauernschaft gerade der zentralrussischen Rayons war, "auf dem vorhandenen historischen Boden" der Dorfgemeinde sich das Land des Adels anzueignen, um ihre archaische, weitgehend noch nicht kapitalistische Form der Landwirtschaft fortzuführen. In der gesellschaftlichen Praxis allerdings musste eine solche Reform der Agrarverhältnisse ihren antikapitalistischen Ansatz bald verlieren. Die kapitalistischen Elemente innerhalb der Dorfgemeinde, die Kulaken, die im Gegensatz zu den Kleinbauern im Besitz des Zugviehs waren, würden bei einer solchen Umwälzung der Verhältnisse die größten Gewinner auf dem Lande sein. Die Entwicklung des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft würde sich so schleichend innerhalb der Dorfgemeinschaft entwickeln, und nicht wie von Stolypin oder Lenin konzipiert, im offenen Kampf gegen die Dorfgemeinde. Genau diesen Entwicklungsweg setzte die Bauernschaft im Oktober durch. Vielen bürgerlichen Historikern fällt es ebenso wie einer Reihe von Marxisten schwer, hinter all den Parolen von Sozialisierung, "schwarzer Umteilung" und ausgleichender Bodennutzung den spezifisch russischen Weg der Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft zu erkennen.
Die oben beschriebene Bauernschaft der zentralrussischen Rayons war der politisch entscheidende Teil der Bauernschaft, sowohl für den Sieg der Oktoberrevolution wie für den militärischen Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg. Jenseits der zentralrussischen Rayons finden wir, wie bereits oben angesprochen, eine andere Bauernschaft. Im Baltikum, in der Ukraine, in den kosakischen Siedlungsgebieten sowie in Sibirien dominierte eine auf eigenem Grund und Boden wirtschaftende, dem westeuropäischem Bauer ähnlichere Bauernschaft. "Der südöstliche Rayon, der an das Schwarze Meer und die Niederungen der Wolga grenzt - ist das russische ´Amerika´. Dieses Gebiet, das die Hörigkeit fast gar nicht kannte, spielte die Rolle einer Kolonie gegenüber dem zentralen Russland. Auf den freien Steppen, die eine Masse von Ansiedlern herbeilockten, entstanden in kurzer Zeit zahlreiche ´Weizenfabriken´, die die neuesten landwirtschaftlichen Maschinen anwenden (...) Die Differenzierung innerhalb der Dorfgemeinde ist hier überaus groß. Dem bäuerlichen Farmer steht der bäuerliche Proletarier gegenüber, der nicht selten aus den Schwarzerdegouvernements eingewandert ist." [10] So finden wir im russischen Norden, im Osten und Süden auf dem Boden entwickelterer Produktivkräfte die klassischen Getreideüberschussgebiete gegenüber den unter ländlicher Überbevölkerung leidenden Getreidezuschussgebieten der noch archaisch wirtschaftenden zentralrussischen Rayons.
Während das Landdekret der Oktoberrevolution den sibirischen Bauern und der Mehrzahl der Kosaken kaum einen Gewinn brachte, weil in diesen Regionen der Großgrundbesitz nur schwach ausgebildet oder gar nicht vorhanden war, profitierten neben der Bauernschaft der zentralrussischen Rayons auch die privat wirtschaftenden Bauern des Baltikums und der Ukraine von der Möglichkeit der Enteignung des dort stark vertretenen Großgrundbesitzes. Diese unterschiedliche agrarische Prägung der verschiedenen Regionen des Zarenreiches werden wir im Verlauf des Bürgerkrieges deutlich wieder erkennen. Die sibirischen und kosakischen Gebiete waren die inneren Keimzellen der Konterrevolution, die Bauernschaft der zentralrussischen Rayons unterstützte mit Schwankungen die Sowjetmacht während des gesamten Bürgerkrieges, die ukrainische Bauernschaft stand sowohl gegen den Großgrundbesitz wie gegen den Kriegskommunismus (Machno), und das Baltikum ging in der Zeit des Kriegskommunismus verloren.
Wie nun sah auf dem Boden dieser Klassenkräfte das Programm aus, mit dem die Bolschewiki in das Revolutionsjahr 1917 eintraten?
In seiner Schrift "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution" von 1905 entwickelte Lenin seinen Gedanken von der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft". Diese "Losung", so Lenin, "erkennt vorbehaltlos den bürgerlichen Charakter der Revolution an, die unfähig ist, über den Rahmen einer nur demokratischen Umwälzung unmittelbar hinauszugehen, treibt aber zugleich diese Umwälzung vorwärts, ist bestrebt, dieser Umwälzung die für das Proletariat vorteilhaftesten Formen zu geben, und ist folglich bestrebt, die demokratische Umwälzung für die Zwecke des weiteren erfolgreichen Kampfes des Proletariats für den Sozialismus in denkbar bester Weise auszunutzen." [11]
Lenins Ausgangspunkt war der für ihn unzweifelhafte bürgerliche Charakter der anstehenden Revolution. Nur, bei Lenin sollte diese bürgerliche Revolution unter der Führung des Proletariats - und nicht unter der Führung der Bourgeoisie - vonstatten gehen. "Die Bolschewiki wiesen dem Proletariat die Rolle des Führers in der demokratischen Revolution zu. Die Menschewiki beschränkten seine Rolle auf die Aufgaben einer äußersten Opposition." [12] Der Gedanke einer politischen Führung des Proletariats in der bürgerlichen Revolution, das ist das qualitativ Neue an der leninschen Konzeption. Der konkrete Inhalt der proletarischen Hegemonie in der bürgerlichen Revolution sollte die Gewinnung der Bauernschaft als Bündnispartner des Proletariats sein. Nicht im Bündnis mit dem bürgerlichen Liberalismus (den Kadetten) sah Lenin die Möglichkeit eines vollständigen Sieges der Revolution, sondern nur im Bündnis mit der Bauernschaft. In diesen unterschiedlichen Klassenbündnissen lagen letztendlich die verschiedenen politischen Konzeptionen von Menschewismus und Bolschewismus begründet. Während der Menschewismus in seinen verschiedenen Flügeln auf das Bündnis mit der sich ökonomisch entwickelnden Klasse der Bourgeoisie setzte, verfocht Lenin das diametral entgegengesetzte Bündnis mit der russischen Bauernschaft.
Lenin war bereit, in der bürgerlichen Revolution der Bauernschaft bis zur "schwarzen Umteilung" entgegenzukommen. Dieses Entgegenkommen fiel ihm umso leichter, als er fortwährend den Entwicklungsstand des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft überschätzte. Für Lenin bedeutete die Losung der "schwarzen Umteilung" nichts anderes als die "ideologische Verkleidung" der Forderung nach völliger Umwälzung der Agrarverhältnisse und Schaffung eines freien kapitalistischen Farmers. "Der Schall der Worte von Ausgleichung, Sozialisierung usw. wird verhallen, denn bei der Warenproduktion kann es keine Gleichheit geben. Doch die Tat bleibt, d. h. es bleibt der unter dem Kapitalismus größtmögliche Bruch mit der feudalen Vergangenheit." [13] Und an anderer Stelle: "Die bäuerliche Agrarrevolution bedeutet nichts anderes als die Unterwerfung des gesamten Grundbesitzes unter die Bedingungen des Fortschritts und des Aufblühens dieser Farmerwirtschaften." [14]
Die Losung von der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" war eine geniale Weiterentwicklung der marxistischen politischen Theorie. Sie ermöglichte es dem Proletariat, überall dort, wo es noch eine Minderheit der Gesellschaft bildete, eine aktive revolutionäre Politik gegen das Kapital und den Großgrundbesitz zu betreiben. Die logische Konsequenz dieser Losung ist die Machtergreifung des Proletariats bereits unter Bedingungen der noch zu lösenden Aufgaben der bürgerlichen Revolution. Die Voraussetzung dieser Machtergreifung und erst recht die der Machterhaltung ist das Bündnis mit der Bauernschaft. Diese leninsche Theorie ist durch die Oktoberrevolution und den Bürgerkrieg vollständig bestätigt worden, allerdings gegen die Politik der Bolschewiki, die von dieser "alten Losung" des Bolschewismus ab April 1917 theoretisch und ab Mai 1918 auch wirtschaftspolitisch Abstand nahmen.
Der Menschewismus kritisierte die leninschen Schlussfolgerungen aus der Revolution von 1905 vom Boden des Marxismus der II. Internationale aus. Für ihn musste eine bürgerliche Revolution - wie der Name es bereits ausdrückt - in ihrem Ergebnis die Bourgeoisie an die Macht bringen. Diese Revolution durfte deshalb nicht gegen die Bourgeoisie organisiert werden und die Rolle des Proletariats in dieser Revolution bestand für den Menschewismus nicht in der Führung der revolutionären Kräfte, sondern in der Unterstützung der Bourgeoisie. Bestenfalls durfte das Proletariat die Bourgeoisie ermutigen und so versuchen, sie weiter voranzutreiben, auf keinen Fall aber durch kraftvolle eigenständige Aktionen die Bourgeoisie verschrecken und so in die Arme der Konterrevolution treiben. Das Proletariat und seine Partei habe den äußersten linken Flügel der Kräfte der bürgerlichen Revolution zu bilden und nach dem Sieg der Revolution als konsequente Opposition die künftige sozialistische Revolution vorzubereiten.
Die besondere Untauglichkeit dieser menschewistischen Theorie für Russland lag auf der Hand. Die russische Bourgeoisie gehörte zusammen mit Adel, Geistlichkeit und Zar zu den Gegnern der bürgerlichen Revolution. Ihr die führende Rolle einer künftigen Revolution anzutragen, bedeutete die Verabschiedung vom Ziel des revolutionären Sturzes des Zarismus, bedeutete eine Theorie und Politik zu verfechten, in der das Proletariat die politischen Ambitionen des Kapitals auf mehr Rechte und Einfluss im zaristischen Staat zu unterstützen hatte. Ein solcher Politikansatz konnte auf Dauer keine Mehrheit unter der russischen Industriearbeiterschaft finden, und er würde erst recht in einer revolutionären Situation zur vollständigen Marginalisierung der Partei führen. Der Menschewismus wurde so auch der große Verlierer des Jahres 1917; bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung im Herbst 1917 erreichten die Menschewiken gerade noch 2 bis 3 Prozent.
Während die menschewistische Kritik an Lenins Revolutionsplan sozusagen den Segen des offiziellen Marxismus seiner Zeit hatte, verkörperte die Kritik von links, die Leo Trotzki an den Positionen des Bolschewismus übte, den spontanen Drang des russischen Proletariats nach dem Sturz des Zarismus und des Kapitals, nach der Aufrichtung seiner eigenen, sozialistischen Macht. Diese Kritik an der bolschewistischen Linie und dem orthodoxen Marxismus der II. Internationale würde gerade in revolutionären Zeiten großen Zuspruch in den Reihen der Arbeiterschaft und der radikalen Intelligenz finden. Da diese Entwicklung in der russischen Revolution reale Gestalt annahm, ist es notwendig, näher auf die theoretischen Fehler der trotzkischen Kritik an der bolschewistischen Position einzugehen.
Die vermeintliche Identität von proletarischer Revolution und sozialistischem Inhalt ist ihrem Wesen nach eine trotzkistische Theorie. Leo Trotzki war es, der in seiner Konzeption von der künftigen russischen Revolution den Satz aussprach, dass "gleichgültig unter welcher politischen Fahne" [15] das Proletariat zur Macht kommt, es "gezwungen sein (wird) eine sozialistische Politik zu verfolgen." Für Trotzki verwischte die besondere Konstellation der Klassenkräfte in Russland - auf die wir noch eingehen werden - den Unterschied zwischen den Aufgaben des Proletariats in der bürgerlichen und denen in der sozialistischen Revolution.
"Die Revolution kann ihre nächsten, bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen, als durch die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat. Hat es aber die Macht in seine Hand genommen, so kann es sich nicht auf den bürgerlichen Rahmen der Revolution beschränken. Im Gegenteil, gerade zur Sicherung ihres Sieges muss die proletarische Avantgarde schon in der ersten Zeit ihrer Herrschaft die tiefsten Eingriffe nicht nur in das feudale, sondern auch in das bürgerliche Eigentum machen. Hierbei wird das Proletariat zusammenstoßen nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie, die es am Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt hatte, sondern auch mit den breiten Massen des Bauerntums, mit dessen Hilfe es zur Macht gekommen war." [16]
Für Trotzki war es deshalb unvermeidlich, den Klassenkampf in das russische Dorf zu tragen und hier "ein möglichst großes Feld für die Organisierung der sozialistischen Wirtschaft in Besitz zu nehmen" [17] Das Proletariat "wird sich gezwungen sehen, den Klassenkampf ins Dorf zu tragen und dadurch die Gemeinsamkeit der Interessen mit der gesamten Bauernschaft zu zerstören (...) Vom ersten Augenblick seiner Herrschaft an wird das Proletariat seinen Rückhalt in der Gegenüberstellung von Dorfarmen und Dorfreichen, von Landproletariat und landwirtschaftlicher Bourgeoisie suchen müssen." [18] Von dem Boden dieser Einschätzung der Klassenkräfte entwickelte Trotzki seine Kritik an der leninschen Position von der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft":
"Lenin stellt den prinzipiellen Unterschied fest zwischen der sozialistischen Diktatur des Proletariats und der demokratischen (d. h. bürgerlich-demokratischen) Diktatur des Proletariats und Bauerntums. Diese logische, rein formale Operation rettet, wie es ihm scheint, vor dem materiellen Widerspruch zwischen dem niedrigen Niveau der Produktivkräfte und der Herrschaft der Arbeiterklasse. ´Wenn wir geglaubt hätten´ - sagte er - , ´den sozialistischen Umschwung vollziehen zu können, so wären wir einem politischen Krach entgegen gegangen. Ist sich jedoch das Proletariat, das zusammen mit dem Bauerntum zur Macht gelangt ist, fest bewusst, dass seine Diktatur nur einen ´demokratischen Charakter hat, so ist alles gerettet.´ Diesen Gedanken wiederholt Lenin unermüdlich seit 1904. Doch davon wird er nicht richtiger.
Da die sozialen Verhältnisse Russlands für einen sozialistischen Umschwung nicht reif sind, so wäre die politische Macht für das Proletariat das größte Unglück. So reden die Menschewiki. Das wäre richtig - antwortet Lenin - , wenn das Proletariat sich nicht bewusst wäre, dass es sich nur um die demokratische Revolution handelt. Mit anderen Worten, den Ausweg aus dem Widerspruch zwischen den Klasseninteressen des Proletariats und den objektiven Bedingungen sieht Lenin in der politischen Selbstbeschränkung des Proletariats, wobei diese Selbstbeschränkung das Resultat der theoretischen Erkenntnis sein muss, dass der Umschwung, in dem die Arbeiterklasse die führende Rolle spielt, ein bürgerlicher Umschwung ist. Den objektiven Widerspruch überträgt Lenin in das Bewusstsein des Proletariats und löst ihn durch den Klassenasketismus, der als Wurzel nicht den religiösen Glauben, sondern ein ´wissenschaftliches´ Schema hat. Man braucht sich diese Konstruktion nur klar vor Augen zu führen, um ihren hoffnungslos idealistischen Charakter zu verstehen.
An anderer Stelle habe ich schon ausführlich bewiesen, dass dieses Idyll des quasi-marxistischen Asketismus sofort nach Errichtung der ´demokratischen Diktatur´ wie eine Seifenblase zerspringt. Unter welchem theoretischen Zeichen das Proletariat auch zur Macht gelangt, so wird es doch zweifellos sofort, am ersten Tag, sich dem Problem der Arbeitslosigkeit gegenübersehen. (...) Das Proletariat an der Macht wird in der einen oder anderen Form (öffentliche Arbeiten u.a.) sofort die Sicherstellung der Arbeitslosen auf Staatskosten vornehmen müssen." Dies würde - so Trotzki - sofort eine mächtige Steigerung des ökonomischen Kampfes der Arbeiterklasse hervorrufen. Die Antwort der Kapitalisten darauf: die "Schließung der Fabriken und Werke. Sie werden die Fabriktore mit großen Schlössern verschließen und dabei sagen: ´Unserem Eigentum droht keine Gefahr, da es feststeht, dass das Proletariat augenblicklich nicht mit der sozialistischen, sondern mit der demokratischen Diktatur beschäftigt ist´. Was kann eine Arbeiterregierung angesichts der verschlossenen Fabriken und Werke tun? Sie muss sie öffnen und die Produktion auf Staatskosten wieder in Gang bringen. Dies ist jedoch der Weg zum Sozialismus? Natürlich! Welchen anderen Weg können sie denn vorschlagen?
Man kann einwenden: Sie schildern das Bild einer unbeschränkten Diktatur der Arbeiter. Es handelt sich doch um die Koalitionsdiktatur des Proletariats und des Bauerntums. Schön. Gehen wir auf diese Erwiderung ein. Wir haben soeben gesehen, wie das Proletariat entgegen den besseren Absichten seiner Theoretiker in der Praxis die logische Grenze ausgewischt hat, die seine demokratische Diktatur beschränken sollte. Jetzt schlägt man vor, die politische Selbstbeschränkung des Proletariats durch eine anti-sozialistische Garantie in Gestalt des Bauern als Mitarbeiter zu ergänzen. Wenn man damit sagen will, dass die neben der Sozialdemokratie an der Macht stehende Bauernpartei es nicht erlauben wird, die Arbeitslosen und Streikenden auf Staatskosten zu unterhalten und die von den Kapitalisten geschlossenen Werke und Fabriken für die staatliche Produktion zu öffnen, so bedeutet das, dass wir gleich am ersten Tag, das heißt, schon lange vor der Erfüllung der Aufgaben der "Koalition" einen Konflikt des Proletariats mit der revolutionären Regierung haben werden. Dieser Konflikt kann entweder mit der Zähmung der Arbeiter durch die Bauernpartei oder mit der Beseitigung der letzteren von der Macht enden. Das eine wie das andere sieht wenig nach einer ‚demokratischen’ Koalitionsdiktatur aus. Das ganze Unglück liegt darin, dass die Bolschewiki den Klassenkampf des Proletariats nur bis zum Augenblick des Sieges der Revolution führen; hierauf löst er sich zeitweilig in eine ‚demokratische’ Arbeitsgemeinschaft auf. Und erst nach dem endgültigen republikanischen Ausbau tritt der Klassenkampf des Proletariats von neuem in reiner Form auf - dieses Mal in der Form des unmittelbaren Kampfes für den Sozialismus." [19]
So weit und möglichst zusammenhängend die Kritik, die Trotzki nach der russischen Revolution von 1905 an den Positionen Lenins vorträgt. Einiges beschreibt er unzweifelhaft richtig. Wie soll sich eine auf die Arbeiterklasse stützende Staatsmacht verhalten, wenn das Kapital die Fabriken schließt, die Arbeiter aussperrt, die Arbeitslosigkeit künstlich anheizt? Die Regierung muss sich, so Trotzki, dann eindeutig auf die Seite der Arbeiter stellen und die Fabriken öffnen und die Produktion notfalls auch auf Staatskosten wieder in die Gänge bringen. Das "ist jedoch der Weg zum Sozialismus" ruft er aus, und für ihn ist damit ausgemacht, dass ein Konflikt mit der Bauernschaft heranwächst. Hier beginnt der theoretische und politische Fehler Trotzkis.
Völlig richtig liegt er mit seiner Auffassung, dass Proletariat und Bourgeoisie im 20. Jahrhundert unweigerlich bereits in der Etappe der bürgerlichen Revolution feindlich aufeinander prallen werden. Hier muss sich die "demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" eindeutig für die Interessen der Arbeiter und gegen das Kapital entscheiden. Hier müssen die ökonomischen Maßnahmen ergriffen werden, die weit über das hinausgehen, was die bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts unter der Führung der Bourgeoisie bzw. des Kleinbürgertums verwirklicht haben. Das Proletariat wird im 20. Jahrhundert die Verstaatlichung der Großindustrie, der Rohstoffindustrie, der Banken und des Transportwesens fordern, "ganz unabhängig, unter welcher Fahne es zur Macht kommt". Diese Forderung des Proletariats hat eine Arbeiter- und Bauernregierung auch in der Etappe der bürgerlichen Revolution unverzüglich zu verwirklichen. Unzweifelhaft ist auch, dass solche Maßnahmen Schritte hin zum Sozialismus sind und auf den entschiedenen Widerstand des Kapitals und der mit ihm verbündeten Schichten stoßen werden.
Falsch aber ist es, in diesen Maßnahmen eine Gefährdung des Bündnisses von Arbeiterklasse und Bauernschaft zu sehen, falsch ist es, in diesen Maßnahmen mehr als nur einen Schritt hin zum Sozialismus zu sehen, solange diese Verstaatlichungen auf dem Boden der Anerkennung des kleinen Privateigentums, der Freiheit des Handels und des Marktes stattfinden. Das entscheidende Problem, der eigentliche Knackpunkt eines Bündnisses von Arbeiterklasse und Bauernschaft (bzw. mit der großen Mehrzahl des Kleinbürgertums in Stadt und Land), besteht nicht im Angriff auf das große Kapital und die Banken, dieser Punkt wird erreicht, sobald die Arbeiterklasse an der Verfügungsgewalt des Kleinbürgertums über sein eigenes Privateigentum und dessen Produkte rüttelt. An diesem Punkt schwenkt das Kleinbürgertum vom Proletariat zum Kapital, schart es sich mit allen anderen besitzenden Klassen um die Fahne des Privateigentums und stellt die Bataillone für den Kampf gegen den Sozialismus.
In Trotzkis Kritik ist das Grundproblem nicht nur der russischen Revolution, sondern auch der gescheiterten europäischen Revolutionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgeworfen und falsch beantwortet. Die Verstaatlichung der Großindustrie, der Banken und des Transportwesens macht aus einer vom Proletariat geführten Revolution noch keine sozialistische Revolution. Diese Verstaatlichungen sind die notwendigen Begleiterscheinungen einer vom Proletariat zu Ende geführten bürgerlichen Umwälzung in diesem Jahrhundert. Die Anerkennung des sozialökonomischen Standes der gesellschaftlichen Entwicklung (bürgerliche Etappe der Revolution) legt dem Proletariat kaum Beschränkungen in seinem Kampf gegen das große Kapital auf; es engt aber den Kampf gegen das kleine Privateigentum, gegen die kleine Warenproduktion ganz entschieden ein. Diesen Bündnispartner darf das Proletariat weder verschrecken noch verlieren. In beiden Fällen verspielt es entweder die Möglichkeit der Revolution (und handelt sich so eine faschistische Konterrevolution ein) oder es verspielt nach einer siegreichen Revolution die Macht. Diese letzte Gefahr bestand in Russland in der Zeit von 1918 bis 1921.
Worin - mag sich manch einer fragen - soll denn der bürgerliche Charakter der Revolutionsetappe bestehen, wenn es bereits eine Revolution gegen die Bourgeoisie ist und wenn diese Revolution das große Kapital entschädigungslos enteignet? Bürgerlich ist diese Revolution deshalb, weil sie gegenüber der Hauptmasse der Bevölkerung - dem Kleinbürgertum – dessen Produktionsverhältnisse und Produktionsweise anerkennt. Und diese Anerkennung erfolgt nicht auf Grund einer falsch verstandenen politischen Großzügigkeit des Proletariats, sondern weil das Proletariat im 20. Jahrhundert die politische Macht nicht anders erobern konnte, als im Bündnis mit der Masse des Kleinbürgertums. Hierin drückt sich die Unmöglichkeit aus, eine Etappe der gesellschaftlichen Entwicklung zu überspringen, vom Zarismus zum Sozialismus zu gelangen. [20]
Trotzdem wird das Programm des direkten Übergangs von der bürgerlichen zur sozialistischen Etappe der Revolution im Sommer 1918 zum Programm der Bolschewiki und führt zu einem vollständigen Scheitern der sozialistischen Zielsetzungen der russischen Arbeiterbewegung, das im Frühjahr 1921 mit dem Kurswechsel zur NEP anerkannt wurde. Im November des Jahres 1918, ziemlich genau ein Jahr nach der Oktoberrevolution, beschreibt Lenin den bisherigen Verlauf und den künftigen Kurs der Revolution mit folgenden Worten: "Es kam denn auch so, wie wir es gesagt hatten. Der Verlauf der Revolution hat die Richtigkeit unserer Argumentation bestätigt. Zuerst zusammen mit der ´gesamten´ Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter (und so weit bleibt die Revolution eine bürgerliche, bürgerlich-demokratische Revolution). Dann zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, einschließlich der Dorfreichen, der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die Revolution zu einer sozialistischen Revolution. Der Versuch, künstlich eine chinesische Mauer zwischen dieser und jener aufzurichten, sie voneinander durch etwas anderes zu trennen als durch den Grad der Vorbereitung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut, ist die größte Entstellung und Vulgarisierung des Marxismus, seine Ersetzung durch den Liberalismus. (...) Die bürgerliche Revolution wurde von uns zu Ende geführt. Die gesamte Bauernschaft ging mit uns. [21] Ihr Antagonismus zum sozialistischen Proletariat konnte nicht im Nu zu Tage treten. Die Sowjets vereinigten die Bauernschaft überhaupt. Die Klassenteilung innerhalb der Bauernschaft war noch nicht herangereift, trat noch nicht zu Tage. Dieser Prozess kam im Sommer und Herbst 1918 zur Entwicklung. Der tschechoslowakische konterrevolutionäre Aufruhr rüttelte die Kulaken auf. Eine Welle von Kulakenaufständen rollte über Russland. (...) Wer die Dinge kennt und im Dorfe war, sagt, dass unser Dorf erst im Sommer und Herbst 1918 die ´Oktoberrevolution´ (d. h. die proletarische Revolution) selbst durchmacht." [22]
Hier verschwindet der Unterschied, der über ein Jahrzehnt [23] die Debatte zwischen den Bolschewiki und Trotzkis Gruppierung geprägt hatte. Deutlich formuliert Lenin hier die Aufgabe, den Klassenkampf in das Dorf zu tragen und eine zweite "Oktoberrevolution", diesmal im russischen Dorf, durchzuführen. Für diese zweite Revolution soll sich das städtische Proletariat mit den armen Bauern und dem Halbproletariat zusammenschließen, um den Kampf gegen die "Dorfreichen", die "Kulaken" und "Spekulanten" zu organisieren. Die Gegenüberstellung von "Dorfarmen" und Dorfreichen", wie Trotzki es formuliert hatte, wird ab Ende Mai 1918 offizielles Programm der Sowjetregierung.
Für Trotzki beinhaltete die alte bolschewistischen Position von der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" in der bürgerlichen Etappe der Revolution einen politischen "Asketismus" des Proletariats, der sofort nach der Revolution "wie eine Seifenblase zerspring(en)" [24] würde. In Russland hielt diese "Seifenblase" etwas länger als ein halbes Jahr. Von der proletarischen Revolution des Oktobers versuchten die Bolschewiki im Frühjahr/Sommer 1918 direkt zum Sozialismus zu marschieren. Nun heißt es auch bei Lenin, die bürgerliche Revolution geht unmittelbar in die sozialistische über, jede andere Position wäre die "größte Entstellung und Vulgarisierung des Marxismus, seine Ersetzung durch den Liberalismus". Dass dies nicht direkt im Oktober 1917 geschah - so Lenin im Herbst 1918 - habe zwei Ursachen gehabt: einerseits den Grad der Klassenscheidung innerhalb der Bauernschaft und andererseits den Grad der Vorbereitung des Proletariats und seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut. Beides soll sich in der Zeit von November 1917 bis Mai 1918 so entwickelt haben, dass ab Sommer 1918 der Kurs auf die Aufrichtung sozialistischer Produktionsverhältnisse möglich geworden war. Wir werden im weiteren sehen, dass diese Ausführungen nichts mit den gesellschaftlichen Tatsachen des Sommers 1918 gemein haben. Es waren ganz andere Gründe, die die Bolschewiki im Mai/Juni 1918 zu einem radikalen Kurswechsel in der Innen- und Wirtschaftspolitik veranlassten. Um sie zu verstehen, müssen wir die weitere Entwicklung der Revolution und ihre Widerspiegelung in der Theorie betrachten.
Kommen wir nun zum Jahr 1917. Hier erfährt der leninsche Revolutionsplan auf Grund der Ergebnisse der Februarrevolution eine grundlegende Änderung. Diese Änderung ermöglichte es der bolschewistischen Partei, die Mehrheit des Proletariats zu gewinnen und damit den Sieg im Oktober vorzubereiten. Zugleich aber begründete dieser Wechsel in der strategischen Orientierung jene Niederlage, die die russische Revolution bei ihrem ersten Versuch, eine sozialistische Gesellschaft aufzurichten, erlitt und die uns in der offiziellen Geschichtsschreibung als Sieg im Bürgerkrieg und als Durchsetzung der "Neuen ökonomischen Politik" verkauft wurden.
Worin bestand nun die Wende in der politischen Orientierung der bolschewistischen Partei, die Lenin mit der Durchsetzung seiner Aprilthesen veranlasste? Im Februar 1917 war die zaristische Regierung gestürzt worden. Die Massen der Arbeiter und Bauern (speziell in der Armee) stützten den Sowjet, der aber die Macht nicht übernehmen wollte und sie in die Hände einer bürgerlichen Regierung legte. Dies war der Ausgangspunkt für die leninschen Aprilthesen. Für Lenin war mit dem Sturz des Zarismus und durch das Bündnis der kleinbürgerlichen Sowjetmehrheit aus Menschewiki und Sozialrevolutionären mit der bürgerlichen Regierung (1. Provisorische Regierung) die Etappe der bürgerlichen Revolution beendet. Für ihn war damit eine neue Revolution auf die Tagesordnung gesetzt worden: die sozialistische. Den Sozialismus allerdings konnte man nicht im Bündnis mit der Gesamtheit der Bauernschaft erkämpfen, sondern nur, indem man die arme Bauernschaft und die Tagelöhner von den reichen Bauern trennte und sie für die Positionen des revolutionären Proletariats gewann. Dies wird ab Mai 1917 die offizielle Linie der bolschewistischen Partei. Hören wir, wie Lenin selbst diesen Kurswechsel begründet:
"In ihrer ersten Etappe entwickelte sich also die Revolution so, wie es niemand erwartet hatte. (...) Die Eigenart der Lage besteht in der Doppelherrschaft. (...) Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats und der Soldaten; die Mehrheit der Soldaten besteht aus Bauern. Das eben ist die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Diese ´Diktatur´ aber hat mit der Bourgeoisie ein Übereinkommen getroffen. Hier eben ist eine Revision des ´alten´ Bolschewismus nötig. Die entstandene Lage zeigt, dass die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sich mit der Macht der Bourgeoisie verflicht. Eine erstaunlich eigenartige Lage. (...) Die bürgerliche Revolution in Russland ist abgeschlossen, insofern die Macht in die Hände der Bourgeoisie übergegangen ist. Hier widersprechen die ´alten Bolschewiki´: ´Sie ist nicht abgeschlossen - es gibt keine Diktatur des Proletariats und der Bauern.´ Aber der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist eben diese Diktatur. (...)"
Diese gegen Sinowjew und Kamenew gerichteten Ausführungen enthalten zwei entscheidende Fehleinschätzungen. Zum Ersten ist es unsinnig, von einer "Verwirklichung" der "Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" zu sprechen, wenn man in demselben Absatz feststellt, dass diese Macht gar nicht ausgeübt wird, dass die Macht von der Sowjetführung in die Hände der Bourgeoisie gelegt wurde. Wenn aber die Macht in den Händen der Bourgeoisie liegt, dann macht es keinen Sinn, von einer Doppelherrschaft - wie sie in der Tat 1917 bestand - zu reden. Hier überzeichnet Lenin eindeutig die Verhältnisse, die nach der Februarrevolution eingetreten waren. Er konstatiert, dass die politische Macht in den Händen der Bourgeoisie liege, um daraus abzuleiten, dass die bürgerliche Revolution abgeschlossen sei. Dies ist der Kern seiner These, und ihre Fehlerhaftigkeit zeigte sich bereits im April.
Richtig ist, dass es die politische Absicht der Sowjetmehrheit war, die Macht in die Hände der Bourgeoisie zu legen. Aber während des Aprils 1917, zu dem Zeitpunkt, als Lenin seine Thesen entwickelte, machten die Arbeiter und Soldaten auf den Straßen Petrograds deutlich, dass sie bürgerliche Korrekturen an der Politik der Sowjetmehrheit nicht zu dulden bereit waren. Die Provisorische Regierung war nicht in der Lage, eine eigenständige bürgerliche Politik gegen die Sowjetmehrheit zu verwirklichen. Der von Miljukow betriebene Versuch in der 1. Provisorischen Regierung [25] endete mit seiner Entmachtung. "Der Abschied Miljukows war der Abschied der Bourgeoisie von einer durch sie bestimmten Regierungspolitik. Ab jetzt reagierten die Überreste der Kadetten in den künftigen Provisorischen Regierungen des Jahres 1917 nur noch auf die politischen Veränderungen, ohne sie selbst entscheidend beeinflussen oder gar bestimmen zu können." [26] Tatsächlich existierte also eine "Doppelherrschaft" von Regierung und Sowjet, bei der sich das Gewicht aber immer deutlicher in Richtung auf die Sowjets verschob. Die Macht, die nach dem Wunsch der Sowjetführung in den Händen der Bourgeoisie liegen sollte, wurde bereits im April 1917 auf ihre tatsächliche Basis zurückgeführt: den Arbeiter- und Soldatensowjet in Petrograd.
Sowenig "die Macht in die Hände der Bourgeoisie übergegangen" war - wie Lenin es konstatierte, so wenig war auch die bürgerliche Revolution vollendet. Weder war die Machtfrage geklärt (Sowjet oder Provisorische Regierung), noch die künftige Staatsform (Republik, Monarchie, konstitutionelle Demokratie etc.), und die Wahlen zu einer künftigen verfassungsgebenden Versammlung waren noch nicht einmal ausgeschrieben. Die politische Zukunft Russlands war im April 1917 noch völlig offen.
Und erst recht falsch wird die These Lenins vom Abschluss der bürgerlichen Revolution, wenn wir auf die sozialpolitischen Ergebnisse schauen. Zwar hat sich die Arbeiterklasse sowohl den 8-Std.-Tag, wie die Presse- und Gewerkschaftsfreiheit genommen, aber die Bauernschaft hatte noch gar nichts bekommen: Eine Landreform sollte es erst nach Kriegsende geben. Dies bedeutete, dass die für Russland wichtigste ökonomische Maßnahme einer bürgerlichen Revolution, die Landreform, weder inhaltlich geklärt (welche Landreform?) noch praktisch angegangen wurde. Unter diesen Bedingungen von einer "abgeschlossenen" bürgerlichen Revolution zu sprechen, ist eine grobe Fehleinschätzung der Verhältnisse.
Diese Fehleinschätzung bildet die Grundlage für eine weitere These, für die Aktualität einer neuen, diesmal sozialistischen Revolution. Sie soll von der Arbeiterklasse, den Landarbeitern und den armen Bauern getragen werden und Russland den Frieden und den Sozialismus (wobei die Bolschewiki über keinerlei wirtschaftspolitische Vorstellungen über den Aufbau einer sozialistischen Wirtschaft in Russland verfügten) bringen. Die Abwendung von dem seit über einem Jahrzehnt propagierten Klassenbündnis von Arbeitern und Bauern, hin zu einem neuen Bündnis von Arbeiterschaft und Landarmut, musste natürlich Auswirkungen auf die künftige Arbeit der Bolschewiki auf dem Land haben. Hierzu wiederum Lenin: "Die Agrarbewegung kann auf zweierlei Art verlaufen. Die Bauern nehmen den Grund und Boden, es kommt nicht zum Kampf zwischen dem Landproletariat und den wohlhabenden Bauern. Doch das ist wenig wahrscheinlich, denn der Klassenkampf wartet nicht." (Dies war so "wenig wahrscheinlich", dass es sechs Monate später Wirklichkeit wurde, während der Klassenkampf zwischen Dorfarmut und reichen Bauern sich hartnäckig nicht entwickeln wollte.)
"Es gilt, die Forderung, sofort vom Land Besitz zu ergreifen, mit der Propaganda für die Schaffung von Sowjets der Landarbeiterdeputierten zu verbinden. Die bürgerlich-demokratische Revolution ist abgeschlossen. Das Agrarprogramm muss auf neue Art durchgeführt werden. Der gleiche Kampf der großen Besitzer mit den kleinen um die Macht, den wir jetzt hier haben, wird auch im Dorf vor sich gehen. Der Boden allein genügt den Bauern noch nicht. Die Zahl der Bauern, die keine Pferde besitzen, ist sehr gestiegen. Wir allein entfachen jetzt die Agrarrevolution, indem wir den Bauern sagen, dass sie sofort das Land nehmen sollen. (...) Die Aufgabe der Marxisten ist, den Bauern das Agrarprogramm klar zu machen; man muss das Schwergewicht des Programms auf den Sowjet der Landarbeiterdeputierten verlegen." [27]
Was Lenin hier propagiert, ist eine seltsame Vermischung von bürgerlicher und sozialistischer Revolution auf dem Land. So konstatiert er erneut, dass die bürgerlich-demokratische Revolution abgeschlossen sei, fordert aber zugleich, dass die Bolschewiki die Bauern anhalten sollten, sofort vom Land (des Adels) Besitz zu ergreifen, also die bürgerliche Revolution auf dem Land durchzuführen. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf dem Land sollten die Bolschewiki allerdings auf die Schaffung eines Sowjets der Landarbeiterdeputierten legen, um so die Dorfarmen gesondert von der reichen Bauernschaft zu organisieren. Diese "Sowjets der Landarbeiterdeputierten" sollten die Organisationsform der sozialistischen Kräfte auf dem Dorf werden. Gesonderte Organisierung der Dorfarmut zur Vorbereitung der sozialistischen Revolution (als "Schwerpunkt" der Arbeit) und ein Zu-Ende-Führen der eigentlich bereits "abgeschlossenen" bürgerlichen Revolution durch die Propagierung der sofortigen Besitzergreifung des Landes durch die Bauernschaft, so kann man die agrarpolitischen Inhalte der Aprilthesen fassen.
Richtig an Lenins neuer politischer Konzeption war der radikale Bruch mit der Sowjetmehrheit. Nur indem die Partei der Bolschewiki sowohl die Fortsetzung der Kriegspolitik kritisierte als auch die sofortige Übergabe des Bodens in die Hände der Bauernschaft befürwortete, wurde die Machtergreifung im Oktober möglich. Bis zu Lenins Rückkehr nach Russland im April 1917 hatte die bolschewistische Partei in beiden Fragen mit der Sowjetmehrheit zusammengearbeitet und damit eine eigenständige politische Orientierung vermissen lassen.
Falsch an den Aprilthesen ist die in ihnen verfochtene neue Klassenkonstellation, die Lenin an die Stelle des alten Bündnisses von Proletariat und Bauernschaft setzen will. Die von ihm konstatierte "neue Erscheinung" einer "sich vertiefenden Kluft zwischen den Landarbeitern und den armen Bauern einerseits und den besitzenden Bauern andererseits" ist eine freie Erfindung, die er das gesamte Jahr 1917 für die entscheidenden Schwarzerdegebiete Russlands auch gar nicht erst nachzuweisen versucht. Die Orientierung auf die Landarbeiter und die armen Bauern fand keine Klassenkräfte in der gesellschaftlichen Realität Russlands, sie blieb das ganze Jahr 1917 eine leere Phrase der bolschewistischen Partei. [28] Faktisch war sie nicht mehr als der Versuch einer klassenmäßigen Absicherung einer radikaleren politischen Richtung, als sie die Sowjetmehrheit verkörperte, die bis August 1917 die Bauernschaft hinter sich hatte. Obwohl Lenin es durchaus nicht völlig ausschließen wollte, dass die "revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" - also das Bündnis mit der gesamten Bauernschaft - doch noch einmal Realität werden könne, spielte diese Möglichkeit in der strategischen Orientierung der Bolschewiki keine Rolle mehr.
Da die Bauernschaft bis August 1917 die sozialrevolutionär-menschewistische Mehrheit der Sowjets stützte und damit faktisch deren Politik in der Kriegs- und in der Agrarfrage billigte, vollzog Lenin und mit ihm die bolschewistische Partei im April den theoretischen Schwenk zu den sog. armen Bauern und Landarbeitern. An die Stelle des alten, von den Bolschewiki und Lenin bis dahin favorisierten Klassenbündnisses, welches in der Sowjetmehrheit im Frühjahr/Sommer 1917 Realität geworden war, - dort aber die Politik des Bündnisses mit der Bourgeoisie verfolgte -, trat nun in der Konzeption der Bolschewiki ein neues Klassenbündnis, welches ihrer Vorstellung nach bereit und fähig wäre, in der Agrar- und Kriegsfrage mit der Bourgeoisie zu brechen und die Macht zum Aufbau des Sozialismus zu übernehmen.
Was geschieht nun im Oktober? Ergreift das Proletariat im Bündnis mit der armen Bauernschaft die Staatsmacht und zerschlägt den Kapitalismus - wie es im "Kurzen Lehrgang" formuliert wurde - oder ergreift das Proletariat, unterstützt und getragen von der gesamten russischen Bauernschaft, die Macht und verkündet das Agrarprogramm der "schwarzen Umteilung"? Zweifelsfrei war das letztere der Fall, und Lenin hat dies einige Zeit später auch in aller Deutlichkeit formuliert: "Im Oktober 1917 ergriffen wir die Macht mit der Bauernschaft als Ganzem. Das war eine bürgerliche Revolution (...)" [29]
Leo N. Kritzman, selbst Bolschewik, beschreibt die Auswirkungen der "schwarzen Umteilung": "Das Gesetz über die Sozialisierung des Grund und Bodens, das alle Forderungen der Bauernschaft in der Agrarfrage verwirklicht hatte, bildete zusammen mit dem Ausscheiden aus dem imperialistischen Krieg die Grundlage für das politische Bündnis zwischen Proletariat und Bauernschaft; dieses Bündnis sicherte dem Proletariat bei der Eroberung der politischen Macht und ihrer Befestigung die Unterstützung der Bauernschaft. Aber dieses Gesetz, das die erste und notwendige Voraussetzung der proletarischen Revolution, die Übernahme der Macht durch das Proletariat, schaffen half, bedeutete gleichzeitig eine wesentliche Einschränkung der proletarischen Revolution, in der Landwirtschaft wurden die Großbetriebe nicht vergesellschaftet, sondern vernichtet und zersplittert, statt der proletarischen Expropriation des Kapitals erfolgte eine kleinbürgerliche (bäuerliche) Expropriation. Dies verschärfte nicht nur die dingliche Einseitigkeit, die wirtschaftliche Unvollständigkeit der proletarischen Revolution, sondern schränkte auch die soziale Grundlage der proletarischen Revolution fühlbar ein.
Millionen von Landarbeitern verschwanden und verwandelten sich zum großen Teil in kleine Eigentümer. Endlich wurde auch die landwirtschaftliche Basis der Industrie und der Stadt überhaupt eingeschränkt, denn der am meisten vergesellschaftete Teil der Landwirtschaft, dessen Warenproduktion für den Markt am stärksten war, der kapitalistische landwirtschaftliche Großbetrieb, wurde zu einem bäuerlichen Kleinbetrieb, der mehr den Charakter einer Bedarfswirtschaft trug; dieser Rückgang der Warenproduktion der Wirtschaft betrug allein mindestens ein Sechstel der gesamten für den Markt erzeugten Produktion der Landwirtschaft (dem Werte nach)." [30]
Als Fußnote finden sich bei Kritzman folgende interessante Zahlen:
Landwirtschaftliche Arbeiter im europäischen Russland:
1917 |
2.100.000 |
1919 |
34.000 |
"Folglich war auf Grund dieser Daten 1919 nur ein Zweiundsechzigstel der Zahl von 1917 beschäftigt. Nach den Angaben desselben Artikels von Strumilin betrug die Zahl der Landarbeiter im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Arbeiter 1917 - 30,8 Prozent, 1919 - 1,3 Prozent; d. h., eine große Schicht des Proletariats war praktisch verschwunden." [31]
Die "große sozialistische Oktoberevolution" wie sie immer so schön in den osteuropäischen Publikationen betitelt wurde, erweist sich als proletarische Minoritätenrevolution (das Proletariat in Russland war eine Minorität), die in ihrem ökonomischen und politischen Programm letztlich nicht über die von Lenin bereits 1905 konzipierte "revolutionär-demokratischer Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" hinausgehen konnte. Diese Diktatur konnte allerdings nur auf dem Boden eines vollständigen Sieges der "bäuerlichen Agrarrevolution", d. h. der Umsetzung der "schwarzen Umteilung" errichtet werden.
Noch deutlicher wird dieses Problem, wenn wir den Bürgerkrieg und den sog. "Kriegskommunismus" betrachten. Scheinbar Belege für den sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution, beweisen sie nur das vollständige Scheitern aller sozialistischen Anläufe in der Industrie und in der Landwirtschaft.
Ab Mai 1918 bahnte sich in Russland eine Hungerkatastrophe an. Durch den Verlust der Ukraine (Frieden von Brest-Litowsk) und durch die Umwandlung der warenproduzierenden Güter des Landadels in bäuerliche Subsistenzwirtschaften verknappte sich die Getreideproduktion deutlich. Da die sozialistischen Vorstellungen in der Köpfen der bolschewistischen Führung keine diesen Verhältnissen entsprechenden wirtschaftspolitischen Beschlüsse über das Verhältnis von Stadt und Land zuließen (will heißen: Naturalsteuer und Getreidehandel), wurde stattdessen theoretisch der Produktenaustausch (also ohne Geld) zwischen Stadt und Land propagiert und praktisch die Ablieferungspflicht der Getreideüberschüsse angeordnet. Da die Industrie kaum nützliche Produkte für das Land erzeugte und die Bauern nach ihren Erfolgen in der Revolution nicht daran dachten, freiwillig das Getreide abzuliefern, welches auf dem Markt mit großem Gewinn verkaufbar war, traten an die Stelle ökonomischer Beziehungen zwischen Stadt und Land militärische.
Anders ausgedrückt, liegen die Ursachen des Bürgerkrieges hauptseitig in der verfehlten - weil vermeintlich sozialistischen - Wirtschaftspolitik der Bolschewiki. Sie begannen den Krieg mit dem Dorf zur Bekämpfung der Hungersnot der städtischen Arbeiter. Ihre Instrumente für diesen Krieg waren die Anordnung zur Bildung sog. "Komitees der Dorfarmut" und die Schaffung bewaffneter Arbeiterabteilungen zur Getreiderequisition. Die Komitees der Dorfarmut wurden durch ein Dekret vom 11. Juni 1918 ins Leben gerufen. "Zum Wirkungsbereich der Komitees der Dorfarmut gehörten laut Dekret: die Verteilung von Getreide, Gütern des dringenden Bedarfs und landwirtschaftlichen Geräten; die Unterstützung der örtlichen Organe des Ernährungswesens bei der Beschlagnahme von Getreideüberschüssen bei Kulaken und Reichen." [32] Die Komitees wurden durch ein Dekret Ende desselben Jahres neu gewählt und in die Dorfsowjets integriert.
Lenin zur Bedeutung dieser Komitees: "Genossen, unsere Ernährungspolitik wird durch die folgenden drei wichtigsten Akte gekennzeichnet, die sich chronologisch folgendermaßen darbieten: der Erste ist der Beschluss über die Bildung der Komitees der Dorarmut, ein Schritt, der die eigentliche Grundlage unserer Ernährungspolitik bildet und zugleich ein ungeheuer wichtiger Wendepunkt in der ganzen Entwicklung und Struktur unserer Revolution ist. Mit diesem Schritt sind wir über jene Grenze hinausgegangen, die die bürgerliche Revolution von der sozialistischen trennt (...)" Hier formuliert er klar, dass die Bolschewiki mit diesem Schritt die Revolution in das Dorf tragen wollen und in der Dorfarmut ihre natürlichen Verbündeten sehen. Ziel dieser Revolution soll die sozialistische Umgestaltung der Agrarverhältnisse sein. Lenin dazu weiter: "Selbstverständlich wird man nicht mit einem Schlag überall zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung übergehen können. Die Kulaken werden sich dem in jeder Weise widersetzen, ja auch die Bauern selbst sträuben sich häufig hartnäckig gegen die Durchführung gemeinwirtschaftlicher Prinzipien in der Landwirtschaft. (...) Wir Bolschewiki waren Gegner des Gesetzes über die Sozialisierung des Grund und Bodens, trotzdem haben wir es unterzeichnet, denn wir wollten nicht dem Willen der Mehrheit der Bauernschaft entgegen handeln. (...) Wir wollten der Bauernschaft nicht den ihr fremden Gedanken aufzwingen, dass mit der ausgleichenden Verteilung des Bodens nichts erreicht werde. Wir waren der Ansicht, dass es besser ist, wenn die werktätigen Bauern selbst, am eigenen Leibe, zu spüren bekommen, dass die ausgleichende Bodenverteilung Unsinn ist. Erst dann wollten wir sie fragen, wo sich denn der Ausweg bietet aus dem Ruin, aus der Vorherrschaft der Kulaken, dieser Folgeerscheinung der Aufteilung des Grund und Bodens.
Die Aufteilung war gut nur für den Anfang. Sie musste zeigen, dass der Boden den Gutsbesitzern weggenommen wird, dass er an die Bauern übergeht. Aber das ist nicht genug. Der einzige Ausweg liegt in der gemeinsamen Bodenbestellung. Diese Erkenntnis fehlte euch, doch das Leben selbst bringt euch zu dieser Überzeugung. Kommunen, artelmäßige Bodenbestellung, bäuerliche Genossenschaften - das ist die Rettung aus den Nachteilen des Kleinbetriebes." [33]
Weder das Leben noch die Bolschewiki vermochten den Bauern in den Jahren von 1918 bis 1921 sozialistische Produktionsformen in der Landwirtschaft nahe zu bringen. Stalin formuliert die Stimmung der Bauernschaft in knappen Worten: "Die (...) ungünstige Lage ist dadurch zu erklären, dass der Frontsoldat, der ´tüchtige Mushik´, der im Oktober für die Sowjetmacht kämpfte - sich gegen die Sowjetmacht gewandt hat (er hasst aus tiefstem Herzen das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisitionen, die Bekämpfung der Hamsterei." [34]
Diese Zitate belegen, dass die Hungersnot in der Hauptseite ein Produkt fehlerhafter ökonomischer Politik der Bolschewiki war. Die Aufrechterhaltung des Getreidemonopols ohne die Existenz eines halbwegs funktionierenden Warenaustausches zwischen Stadt und Land verführt jeden Bauern zur Zurückhaltung des Getreides, weil es keinen Anreiz für den Handel mit der Stadt gibt. Ursache dieser fehlerhaften Politik ist die Einschätzung, dass man sich seit dem Oktoberumsturz auf dem Weg zur Aufrichtung des Sozialismus befände. Wie derselbe allerdings aufzurichten sei, insbesondere wie die Verbindung zwischen Stadt und Land, zwischen nationalisierten Betrieben, die den Charakter staatskapitalistischer Unternehmungen annehmen sollten, und der Kleinbauernwirtschaft stattfinden sollte, darüber existierten keine konkreten Vorstellungen. Welche Vorteile in dieser Situation irgendwelche Sozialisierungen der Agrarproduktion für die Bauernschaft bringen sollten, war keinem vermittelbar. Die Hungersnot veranlasst die Bolschewiki, ihre Agrarpolitik nach links zu radikalisieren und somit den Bürgerkrieg auszulösen.
Kurze Zeit nach dem Ausbrechen der Bauernrevolten gegen das Getreidemonopol und die Requisition des Getreides durch bewaffnete Arbeiterabteilungen bricht der Aufstand der sog. "Tschechischen Division" los, proklamieren zaristische Generäle, finanziert vom Ausland, in den russischen Randgebieten ihre Erhebungen, und landen einige Monate später die ersten ausländischen Expeditionskorps. In der offiziellen Geschichtsschreibung existieren nur die konterrevolutionären Generäle und die ausländischen Interventionstruppen. [35] Die wesentlichen Ursachen des Bürgerkrieges, "das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisitionen, die Bekämpfung der Hamsterei" (Stalin), der Versuch der Bolschewiki, den Klassenkampf aufs Dorf zu tragen, finden dort keine Erwähnung. Die fehlerhafte Politik der Bolschewiki wird in Umkehrung der Tatsachen dem Bürgerkrieg angelastet. In der offiziellen Geschichtsschreibung hat nicht die linke Politik den Bürgerkrieg losgetreten, sondern wird uns erzählt, dass diese Politik aus den Notwendigkeiten des Bürgerkrieges (sog. "Kriegskommunismus") entstanden sei.
In der Realität waren es die konterrevolutionären Erhebungen der zaristischen Generäle und die ausländischen Interventionstruppen, die die Bauernschaft der zentralrussischen Rayons wieder an die Seite der Bolschewiki gebracht haben. Die Konterrevolution wollte ebenso wie die ausländischen Interventionisten die Agrarreform vom Oktober 1917 rückgängig machen. Für die Verteidigung ihres Landes war die Bauernschaft der zentralrussischen Rayons bereit, "das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisition, die Bekämpfung der Hamsterei" zu dulden. Nach der Niederwerfung der letzten Interventionstruppen und zaristischen Generäle im Herbst 1920 war es aber mit ihrer Bereitschaft, diese Politik der Bolschewiki zu dulden, vorbei. Eine neue Welle von Bauernaufständen erschütterte die Sowjetunion und brachte die bolschewistische Macht an den Rand des Abgrundes, bis im Frühjahr 1921 die Bolschewiki ihre "Rotgardistische Attacke" auf das Dorf einstellten, mit der NEP den Wünschen der Bauernschaft Rechnung trugen und damit praktisch von allen sozialistischen Umgestaltungen der Agrarverhältnisse erst einmal Abschied nahmen.
Rückblickend auf diese Periode der Revolution formuliert Lenin im Oktober 1921: "Wenn Sie sich die Erklärungen, offizielle wie nichtoffizielle, die unsere Partei von Ende 1917 bis Anfang 1918 abgab, ins Gedächtnis zurückrufen, so werden Sie sehen, dass wir auch damals die Vorstellung hatten, die Entwicklung der Revolution, die Entwicklung des Kampfes könne ebenso einen verhältnismäßig kurzen wie einen sehr langen und schweren Weg nehmen. Aber bei der Einschätzung der möglichen Entwicklung gingen wir größtenteils, ich erinnere mich nicht einmal an Ausnahmen, von der Annahme aus, die vielleicht nicht immer offen ausgesprochen, aber doch stillschweigend vorausgesetzt wurde - von der Annahme, dass wir unmittelbar zum sozialistischen Aufbau übergehen. Ich habe eigens noch einmal durchgelesen, was beispielsweise im März und April 1918 über die Aufgaben unserer Revolution auf dem Gebiet des sozialistischen Aufbaus geschrieben wurde, und habe mich davon überzeugt, dass eine solche Annahme bei uns tatsächlich vorhanden war." [36]
Mit dem Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik beginnt die Partei in der Praxis, den bürgerlichen Inhalt der vom Proletariat durchgeführten Oktoberrevolution anzuerkennen: Aufhebung des Getreidemonopols, Freiheit des Handels, Zulassung von Lohnarbeit, Privatisierung von Klein- und Mittelbetrieben, Vergabe von Konzessionen an ausländische Kapitalisten etc.
Das in der russischen Oktoberrevolution zugespitzt gestellte Problem, dass im 20. Jahrhundert das Proletariat Träger und Führer einer Revolution wird, die nicht seine "eigene" ist, die den bürgerlichen Rahmen der sozialökonomischen Verhältnissen nicht sprengen kann; in der das Proletariat aber nur siegen kann, wenn es die Massen des Kleinbürgertums in Stadt und Land gegen Kapital und Großgrundbesitz zusammenschließt, wurde nicht erkannt, mit blutigen Folgen nicht nur für das russische, sondern auch für das westeuropäische Proletariat.
Dieses Bündnis mit dem städtischen (für Russland unbedeutend) und ländlichen Kleinbürgertum ist die Grundvoraussetzung für einen Sieg des Proletariats in den europäischen Revolutionen (Italien, Deutschland, Ungarn und Spanien) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Preis, den das Proletariat für das Bündnis mit dem Kleinbürgertum zu zahlen hat, ist die Anerkennung der Eigentums- und Produktionsverhältnisse dieser Schichten, der Verzicht des Proletariats auf die direkte Verwirklichung seiner eigenen sozialistischen Zielsetzungen. Hierin besteht der "bürgerliche Charakter" der vom Proletariat geführten Revolutionen im 20. Jahrhundert. Das ist die eigentliche Lehre, die aus der Oktoberrevolution und dem anschließenden Bürgerkrieg zu ziehen ist.