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III. Resümee und politische Schlußfolgerungen

Im Verlauf der vorangegangenen Darstellung drängen sich drei Problemstellungen von zentraler Bedeutung auf.

1. Die "Europäisierung der Erde" war ein Fortschritt

Wie ist das koloniale Eindringen der Engländer in China und Indien grundsätzlich zu bewerten? Ist dabei der Standpunkt von Marx und Engels zu teilen, die die europäische Expansion, also letztlich den gesamten Versuch der Europäisierung der Erde durch Kolonialismus und Imperialismus, als Fortschritt - ohne wenn und aber - bejahten und sogar begeistert feierten?

Der Marxismus ist in sofern Erbe des Liberalismus, als er die moderne Industrie zur Voraussetzung hat. Industrielle Entwicklung ist die Voraussetzung zur Befreiung des Menschen aus den Fesseln der Naturgeschichte, die Conditio sine qua non des Verlassens des Reiches der Notwendigkeit.

Allein Europa hat soziale und politische Verhältnisse hervorgebracht, aus denen heraus sich ein selbständiges Bürgertum, der Kapitalismus und damit die moderne Industrie entwickelten. Damit ist eine der zentralen Thesen dieses Aufsatzes angesprochen. Daß sich außerhalb Europas keinerlei Ansätze der Entwicklung zum Kapitalismus nachweisen lassen, sollte exemplarisch für Indien und China belegt werden.

Wie sich die gegenteilige Auffassung durchsetzen konnte, daß die meisten Staaten der sog. "Dritten Welt" zu Beginn der europäischen Expansion auf dem Weg zu einer eigenen kapitalistischen Entwicklung waren, die ihnen durch die europäische Kolonisation abgeschnitten wurde, ist ein eigenständiges Thema. Die Tatsache, daß diese Auffassung heute den Rang eines Volksvorurteils hat, macht sie wissenschaftlich keineswegs haltbarer.

Wenn allein Europa die Voraussetzungen einer Industrialisierung mitbrachte, ist auch der Versuch der Europäisierung der Erde grundsätzlich zu bejahen. Allein Europa war in der Lage, jene Dynamik innerhalb des Weltsystems zu entfalten, die jahrhundertelang stagnierende Gesellschaftsordnungen zerplatzen ließ und damit zur Grundbedingung einer weltweiten Entwicklung wurde.

2. Prinzipiell für den industriellen Fortschritt

Aus der Bejahung der europäischen Expansion folgte für Marx und Engels keineswegs die Notwendigkeit, sich auf den Standpunkt der Kolonialmächte zu stellen. Vielmehr kritisierten sie deren Kolonialpolitik entsprechend folgender Leitlinie: Ihr Ziel war es, die industrielle Entwicklung sowohl in den Kolonialländern als auch in den kolonialisierten Staaten weitestgehend zu fördern. Dem diente ihr Eintreten für den Freihandel (wie im Falle der britischen Versuche, sich den chinesischen Markt nicht durch Industriefabrikate, sondern durch Opium und Kanonenbootpolitik zu erschließen).

Diese Orientierung ist auch heute noch von wesentlicher Bedeutung. Der sog. "Dritten Welt" gehen im Rahmen des heutigen Weltwirtschaftssystems durch protektionistische Maßnahmen der Industrieländer Einnahmen in der selben Höhe verloren, wie sie von diesen in Form sog. "Entwicklungshilfe" erhalten. Insbesondere muß endlich der Agrarprotektionismus der EG fallen, der zahlreiche außereuropäische Agrarstaaten von einem vielversprechenden Markt abschneidet.

Die Orientierung an der Leitlinie des Freihandels für die entwickelten Industriestaaten beinhaltet keineswegs ein generelles Eintreten für den Freihandel. Denjenigen Länder, die eine nachholende Industrialisierung benötigen, ist vielmehr in den meisten Fällen durch Protektionismus weit mehr gedient. Diese Haltung nahm auch Marx ein, beispielsweise gegenüber Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

3. Flexibel gegenüber dem außereuropäischen Antikolonialismus

Welche Stellung ergibt sich unter Berücksichtigung der o. g. Voraussetzungen zu den antikolonialen Bewegungen?

Gegen antikoloniale Sozialromantik

Alle diese Bewegungen sind in ihren ursprünglichen Ansätzen Bewegungen, deren soziales Programm rückständig ist. Ihr soziales Programm ist antikapitalistisch im Sinne der Reaktion. Sie richten sich gegen jegliche Entwicklung, insbesondere gegen die Entwicklung des Kapitals, und wollen statt dessen zu einer stagnierenden Gesellschaftsordnung zurückkehren. [104]

Diese Kennzeichen haben die antikolonialen Bewegungen mit den Bewegungen der europäischen Massen des Mittelalters gemeinsam. Die Tai-Ping-Bewegung, die einen ähnlichen Charakter wie die Wiedertäuferbewegung im deutschen Bauernkrieg hatte, ist dafür eine typisches Beispiel.

Diese Bewegungen sind deshalb "antikolonial", weil der gesellschaftliche Fortschritt sich nicht, wie in Europa, aus ihrer Gesellschaftsordnung heraus entwickelt, sondern durch den Kolonialismus von außen eindringt.

Da die Säkularisierung einer Gesellschaft an ihre industrielle Entwicklung gebunden ist, nehmen diese vorindustriellen Massenbewegungen in der Regel einen religiösen Charakter an. Jüngste Beispiele für eine solche Verbindung einer sozialromantischen volkstümlichen Massenbewegung und Religion sind der islamische Fundamentalismus, genauso wie die lateinamerikanische Befreiungstheologie.

Sowohl der sozialromantische als auch der religiöse Charakter dieser Bewegungen stehen im diametralen Gegensatz zu den Zielen des Kommunismus/Marxismus.

Es ist ein grundsätzliches Problem heutiger marxistischer Geschichtsschreibung, daß dieser scharfe Gegensatz, den die Begründer des Marxismus immer betont haben, nicht mehr herausgearbeitet wird. So hat die chinesische Geschichtsschreibung die Tai-Ping-Bewegung zu dem Vorläufer der chinesischen Revolution stilisiert, genauso wie die sowjetische und ostdeutsche Geschichtsschreibung sich auf die Tradition des Bauernkriegs berief.

Ausnutzung antikolonialer Bewegungen

Es ist nicht möglich, sich auf die Feststellung des rückwärtsgewandten Charakters vorindustrieller Volksbewegungen zu beschränken und die Tatsache zu vergessen, daß man sich ihnen gegenüber politisch verhalten mußte. Dies gilt um so mehr, da die antikolonialen Bewegungen im 20. Jahrhundert erhebliche politische Bedeutung erlangten.

Marx und Engels verstanden sowohl die Tai-Ping-Bewegung als auch den Sepoy-Aufstand als Bewegungen, die sich gegen den britischen Imperialismus in seiner Eigenschaft als "Despot des Weltmarkts" und Unterdrücker der deutschen Demokratie richteten. In diesem Sinne wechselten sie die Fronten und nahmen gegen Großbritannien und für die antikolonialen Bewegungen Partei, obwohl sie deren rückwärtsgewandten Charakter nicht unterstützten.

Diese Ausnutzung antikolonialer Bewegungen zur Schwächung eines europäischen Gegners der proletarischen Revolution ist von Lenin und Stalin vorzüglich begriffen und in praktische Politik umgesetzt worden. In dieser Perspektive vertrat Stalin die Auffassung: "Der Kampf des Emirs von Afghanistan für die Unabhängigkeit Afghanistans ist objektiv ein revolutionärer Kampf, trotz der monarchistischen Anschauungen des Emirs und seiner Kampfgefährten, denn dieser Kampf schwächt, zersetzt, unterhöhlt den Imperialismus (...)." [105]

In diesem Sinne ist heute der islamische Fundamentalismus von Iran über den Hamas in Palästina bis nach Algerien objektiv ein revolutionärer Kampf, ganz unabhängig davon, wie sein soziales Programm zu beurteilen ist und ganz unabhängig davon, welche Stellung eine kommunistische Organisation innerhalb des Irans gegenüber dem Fundamentalismus einnimmt.

Erben der Europäisierung der Erde

Das Verhältnis des Kommunismus zu den antikolonialen Bewegungen hat sich im 20. Jahrhundert nicht in ihrer taktischen Unterstützung erschöpft. Unter der Bedingung des Ausbleibens revolutionärer Umwälzungen in den Industrieländern wurden gerade die rückständigen Länder zu einem wesentlichen Bezugspunkt kommunistischer Politik.

Damit trat der Kommunismus in eine höchst problematische Tradition ein. Ein bürgerlicher Historiker bemerkte über die chinesische Rote Armee: "Die Kommunisten handeln als die Erben zeitweilig fanatischer Bauernaufstände, die Nationalregierung und die Kuomintang als die Erben der Mandarinate." [106]

Diese Bemerkung verrät nicht die ganze Wahrheit über den chinesischen Kommunismus. Erben "zeitweilig fanatischer Bauernaufstände", wie der Tai-Ping-Bewegung, waren die chinesischen Kommunisten nur insofern, als ihre Basis die selbe Bauernschaft mit ihren traditionellen sozialen Orientierungen war.

Die Kommunisten waren keinesfalls Erben des sozialen Programms der Tai-Ping-Bewegung. Die kommunistische Bewegung Chinas zielte, wie überall auf der Welt, auf die industrielle Entwicklung des Landes. Sie vertrat damit das genaue Gegenteil von dem, was sich die Massen erträumten, die ihre soziale Basis waren. Wie war es möglich, daß sich die Kommunisten unter diesen Bedingungen durchsetzen konnten?

Wie wir gesehen haben, war es weder der Tai-Ping-Bewegung in China noch dem Sepoy-Aufstand in Indien möglich zu siegen. Beiden Bewegungen fehlten Organisation und Programm im "nationalen" Maßstab. Erst die Gründung von kommunistischen Parteien in den rückständigen Ländern gab den antikolonialen Bewegungen Richtung und Ziel. Erst eine Kommunistische Partei verfügte über ein realitätstüchtiges soziales und politisches Programm und schaffte die Voraussetzungen zur Organisation im nationalen Maßstab.

Kommunistisch geführte Bewegungen siegten in Bauernländern auf dem Boden eines Programms, das den Interessen der Bauern entgegenkam und den Weg zur Industrialisierung eröffnete. Der Kommunismus hat die Bauern in der Dorfgemeinde organisiert, gab ihnen Land und senkte ihre Abgaben. Gleichzeitig wurde das ihnen weiterhin abverlangte agrarische Mehrprodukt nicht mehr unproduktiv, zur Erhaltung einer nichtindustriellen Herrschaftsschicht, verausgabt, sondern zum Aufbau der Industrie verwandt.

Indem es dem Kommunismus gelang, sich mit einem Programm zur industriellen Entwicklung der rückständigen Länder an die Spitze der antikolonialen Bewegung zu setzen, trat er in Wirklichkeit nicht das Erbe "fanatischer Bauernbewegungen" an, sondern das Erbe der europäischen Expansion. Die Europäisierung der Erde durch den Kolonialismus des Bürgertums, fand ihre Fortsetzung im europäischen Kommunismus. [107]

4. Nachtrag: Ein rückwärtsgewandter "Marxismus"

Der Kommunismus war der sozialrevolutionäre Erbe der Europäisierung der Erde durch den Kolonialismus des Bürgertums. Haben das Bürgertum und die "alten Eliten" die Stagnation der ökonomischen und gesellschaftlichen Situation in den außereuropäischen Ländern "von außen", durch das Eindringen von Kapital und Arbeit aufgebrochen, die sich ewig gleichen Gesellschaften des Orients damit zum Untergang verurteilt, so war es der Leninismus als "Marxismus der Epoche des Imperialismus" (Stalin), der die sozialen Verwerfungen dieses Umbruches aufgegriffen hat. Ebenso "europäisch" wie das "Kapital", hat er den nationalen und sozialen Bewegungen in diesen Ländern das europäische Modernisierungsprogramm - die industrielle Entwicklung - nahegebracht und ihnen dadurch die Möglichkeit sowohl zu staatlicher Eigenständigkeit als auch gesellschaftlicher Weiterentwicklung eröffnete.

Aber die agrarische Basis dieser Gesellschaften und der Mangel an einer wirklichen und nicht staatssubventionierten Arbeiterklasse haben unter der Voraussetzung der fortwährenden Überschätzung des Grades der gesellschaftlichen Entwicklung durch die Kommunisten den kommunistischen Parteien in der außereuropäischen Welt ihren Stempel aufgeprägt. Der Marxismus/Kommunismus ist auf diesem Wege zu einem "Bauernsozialismus" degeneriert, der den vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum lediglich umverteilt. Die Entwicklung der Produktivkräfte und ihre Vergesellschaftung blieben dagegen früher oder später in den gesellschaftlichen Verhältnissen stecken, da die Produktionsweise des Kleinbauerntums nicht zu vergesellschaften ist.

Die Linke, wie sie in den 60er Jahren wieder neu entstand und in Westdeutschland auch Teile der verbotenen KPD beeinflußt und geprägt hat, war von ihrem Ausgangspunkt her, der Vietnambewegung, antikolonial und antiimperialistisch. In ihren revolutionären Teilen wandte sich die Linke dem Marxismus-Leninismus zu. Diesen fand sie in der Form vor, die ihm die Klassenkämpfe des 20. Jahrhunderts gegeben hatte. Durch das Bündnis der Sowjetunion und der Arbeiterbewegung mit den unterdrückten Völkern war innerhalb der marxistisch-leninistischen Theoriebildung das Bewußtsein über den Doppelcharakter der antikolonialen Befreiungsbewegungen, der nicht nur Marx und Engels Schriften durchzieht, sondern auch Lenins und Stalins Politik prägte, verkümmert. Der Marxismus-Leninismus der neuen Linken betonte ausschließlich die national-antiimperialistische Seite der antikolonialen Befreiungsbewegungen. Die reaktionär-rückwärtsgewandte Seite der antikolonialen Bewegungen blieb dagegen unberücksichtigt.

Deshalb hatte die Linke auf dem Gebiet des Antiimperialismus von vorne herein eine offene Flanke gegenüber der sich Ende der 70er Jahre entwickelnden grünen Ideologie. Für die grüne Ideologie war der reaktionär-rückwärtsgewandte Charakter der antikolonialen Bewegung keineswegs kritikabel. Vielmehr fand die grüne Ideologie gerade in der Rückständigkeit außereuropäischen Kulturen den Inbegriff ihrer Ideale. Für die Linke war der Übergang auf diesen Boden grüner Ideologie besonders leicht. Daß sich damit innerhalb der Linken ein Verständnis von Antiimperialismus durchsetzte, das den Marxismus auf den Kopf stellte, wurde ihr nicht einmal bewußt.

Heute kann jedermann in der Linken auf Beifall hoffen, der unter dem Firmenschild "Marxismus" einen solchen Unsinn verkauft, wie dieser Autor der Sozialistischen Zeitung: "Überall dort, wo der Imperialismus in wirtschaftlich unterentwickelten Ländern Fuß faßte (...) wurde die einheimische Wirtschaft brutal vernichtet. Das Handwerk, die Kleinbetriebe, die kleinen Bauernhöfe konnten den einströmenden Industrieprodukten und den auf Großfarmen erzeugten Gütern nicht standhalten. Müssen wir im Namen des wirtschaftlichen 'Fortschritts' das Menschenrecht auf Imperialismus verteidigen, der Millionen Menschen dem Hunger und Elend auslieferte?" [108] Mit dieser Position richtet sich der Autor grundsätzlich gegen den industriellen Fortschritt. Daß es nicht "der Fortschritt" an sich ist, der die Menschen dem "Hunger und Elend" ausliefert, sondern die kapitalistische Form des Fortschritts, dieser Standpunkt liegt dem Autor fern.

Die materielle Grundlage dieser ideologischen Wandlung des Marxismus ist die Rückkehr der in den 60er Jahren im studentischen Milieu entstandenen marxistischen Strömung zu ihren sozialen Grundlagen. Der Kapitalismus der BRD hat es bislang verstanden, mindestens der Facharbeiterschaft ausreichend abgesicherte Lebensverhältnisse zu bieten. Deshalb hat die Arbeiterbewegung die kapitalistische Wirtschaftsordnung bis heute nicht grundsätzlich in Frage gestellt. So blieb die neu entstandene marxistische Strömung allein, ohne proletarische Massenbasis. Alle entscheidenden politischen Bewegungen seit den 70er Jahren waren Bewegungen der neuen Mittelschichten, und erst in diesen sog. neuen sozialen Bewegungen fand die marxistische Strömung ihre soziale Basis.

Heute vertritt die Linke vor allem die Interessen der mit dem Staatsapparat verbundenen neuen Mittelschichten. So kann es nicht verwundern, daß sie auch gegenüber den außereuropäischen Ländern ein Programm vertritt, das deren Interessen zum Ausdruck bringt. Kern des Programm dieses "Marxismus'" ist die Ablehnung des industriellen Fortschritts. In der auf dem Boden Europas entstehenden Industrie vermag diese Strömung nur den fatalen "westlichen Fortschrittsglauben" zu erkennen. Dies resultiert daraus, daß die mit dem Staatsapparat verbundenen Mittelschichten in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem industriellen Kapital stehen und sich daher ihre monatlichen Einkünfte auch unabhängig von der Industrie denken können. Gut bezahlt wie man ist, glaubt man zudem, "uns" ginge es zu gut und wenigstens ein bißchen Rückkehr zum einfachen Leben könne nicht schaden. Vielmehr verspricht man sich von dem Verzicht auf kapitalistischen "Konsumterrror" Erleichterung von allerlei Notwendigkeiten der modernen Gesellschaft, die die Kleinbürgerseele quälen. Abkehr von der Anonymität der modernen Massengesellschaft, Rückkehr zur "Einheit von Arbeit und Leben", ein Ende von Leistungsdruck, Disziplin und einem von der Uhr geregeltem Tagesablauf - dies alles verspricht die Utopie einer vor- oder - wenn man will - nachindustriellen Gesellschaft. Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, daß die Linke in den Bewegungen der außereuropäischen Welt genau die rückwärtsgerichteten antikapitalistischen Momente unterstützt, die es zu bekämpfen gilt.

5. Nachtrag: Linker Eurozentrismus im anti-eurozentristischen Gewand

Weil Europa der Geburtsort der modernen Industrie ist, gibt sich diese Linke als schärfster Gegner des Eurozentrismus. Aber was da im Gewand eines Gegners des Eurozentrismus daherkommt, erweist sich in Wirklichkeit als in diesem Eurozentrismus befangen.

Es ist eine zutiefst eurozentrische Vorstellung, daß jede Gesellschaft in Entwicklung begriffen ist, und dies verstellt den Blick für die tatsächliche Geschichte der außereuropäischen Kulturen. Diese außereuropäischen Kulturen sind nur historistisch, aus ihrer eigenen inneren Logik heraus, zu begreifen. Auf Indien und China ist die traditionelle marxistisch-leninistische Vorstellung einer aufsteigenden Abfolge von Gesellschaftsordnungen nicht anwendbar. Diese eurozentrische Vorstellung, einer weltweiten Gültigkeit des von Marx für Europa entwickelten Modells, gilt es tatsächlich zu überwinden.

Bei den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus findet sich eine solche Vorstellung nicht. In den Debatten um das Schicksal der russischen Dorfgemeinde betonte Marx vielmehr, daß sein im Kapital skizziertes Modell der gesellschaftlichen Entwicklung ausschließlich auf Westeuropa anwendbar sei. "Das Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation", heißt es bei Marx, "will nur den Weg schildern, auf dem im westlichen Europa die kapitalistische Wirtschaftsordnung aus dem Schoß der feudalen Wirtschaftsordnung hervorgegangen ist."

Gegen seinen Kritiker Michailowski gerichtet, verwahrt sich Marx ausdrücklich gegen eine Verallgemeinerung dieser auf Europa begrenzten Entwicklung: "Er muß durchaus meine historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln, der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden, (...)." [109]

Die gesellschaftlichen Grundlagen Asiens haben Marx und Engels deutlich von denen Europas abgehoben. "Die Abwesenheit des Grundeigentums ist in der Tat der Schlüssel zum ganzen Orient. (...) Aber woher kommt es, daß die Orientalen nicht zum Grundeigentum kommen, nicht einmal zum feudalen?" fragte Engels in einem Brief an Marx und beantwortete seine Frage mit dem Verweis auf andere Naturbedingungen, nämlich ein anderes Klima und andere Bodenverhältnisse. [110] Auf dem Boden dieser Verhältnisse aber entfaltete sich keineswegs die europäische Entwicklungsdynamik, sondern "asiatischer Despotismus und Stagnation". [111]


Zuerst veröffentlicht in: Kommunistische Presse, 3. Jg., Nr. 16, Januar 1993.