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Dirk Röpcke

Über den frommen Wunsch einer Nivellierung der Klassengesellschaft

Die meist auf theoretische Fehlinterpretation zurückzuführenden "Thesen" vom Marxschen Postulat der "Ökonomie als einzigem Widerspruch" und den "klaren Frontlinien im Klassenmodell" verdeutlichen (einmal mehr), daß Erkenntnis nicht voraussetzungslos ist. Und es zeigt, daß politisches Bewußtsein nur allzu leicht hinter vorfindliche Ergebnisse materialistisch-kritischer Theoriebildung zurückfallen kann. Das ist nicht verwunderlich. Sind wir doch Teil des Ganzen, das wir beschreiben und kritisieren wollen. Erscheinungsform und Wesen der Dinge sind bekanntlich nicht identisch. Deshalb haben vor allem Sozialwissenschaftler mit der bewußtseinsmäßigen Überlagerung der systematischen Theorien ihrer Disziplin durch alltägliche "Theorien" - entstanden in ihrer eigenen Lebenswelt - ihre liebe Not. "Potentiellen" Linken sei daher empfohlen, ihre intellektuelle Basis im Kampf gegen die herrschenden Interessen nicht nur durch Staubwischen der Folianten, sondern auch durch kritisches Studium eben dieser zu stärken. Im Vordergrund muß kritischtheoretische Aufklärung gegen Relativierung und für praktische Politik stehen. Nicht Rechthaberei.

Die Kontroversen, die sich um die Gebräuche des Begriffspaares ranken, entpuppen sich schnell als Mißverständnisse, die theoretische Abstraktionsstufen nicht berücksichtigen. Zum Beispiel das Mißverständnis vom Diktat des Hauptwiderspruches über den Nebenwiderspruch der emanzipatorischen Kämpfe von Minderheiten: Tatsächlich werden die speziellen emanzipatorischen Interessen der "Besonderen", der Frauen, Schwarzen, Behinderten, Homosexuellen usw., unter objektiv ermittelbaren, übergreifenden emanzipatorischen Interessen dieser Gruppen als "allgemeine" betrachtet. Wichtig sind die alle vereinenden, in internationaler Solidarität zu realisierenden emanzipatorischen Interessen.

Darum stellt materialistische Sozialwissenschaft die Theorie ja auch vor die Empirie. Nicht-vulgäres materialistisches Denken besteigt in Marxscher Tradition seine Wendeltreppe der Erkenntnis vom Abstrakten hin zum Konkreten. Der Grad der Abstraktion bzw. Konkretion von den sozialen Beziehungen ist auf jeder ihrer Stufen unterschiedlich. Man muß also auch zwischen mehreren Klassenbegriffen unterscheiden, die sich auf diese Abstraktionsstufen beziehen. Die Marxsche Klassenanalyse bezieht sich dabei nicht nur auf die ökonomische Kernstruktur, sondern auf die ganze Gesellschaftsformation. Und nach Engels sei das in letzter - nicht als einzige! - Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Das Mißverständnis des Gegenteils qualifizierte übrigens schon Engels als "eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase" (MEW 29, S. 463). Und Marx spricht auch nicht von einheitlichen Klassen der Produktionsmittelbesitzer einerseits und Lohnarbeiter andererseits . Er analysiert die Produktionsweisen als historisch bestimmte, die sich in den stets einzigartigen sozialen Gebilden der verschiedenen Länder ebenso differenziert reproduzieren. Die Alltagspraxen spielen bei Marx als soziales Fundament der "sozialen Klassen" eine bedeutende Rolle.

Soll heißen: Die Struktur der Klassengesellschaft unterliegt zwar einer Wandlung. Ihr antagonistisches Grundprinzip bleibt jedoch dasselbe. Entscheidend ist, daß der kapitalistische Produktionsprozeß die Trennung der Eigentumsbildung von der tatsächlichen Arbeit stets reproduziert und die wesentlichen Lebensbedingungen der Individuen durch Klassenzugehörigkeit geprägt werden. Klassen-Verhältnisse können sich nur im Alltagshandeln ihrer Mitglieder reproduzieren. In Form symbolischer Akte zur Eigen- und Fremd-Klassifikation zum Beispiel nehmen die Individuen bewußt oder unbewußt an der Einteilung des sozialen Raums in Klassen teil. Insofern sind gesellschaftliche Klassen auf der konkreten Alltagsebene für jeden einzelnen Menschen stets Produkte bzw. Konstrukte seiner eigenen klassenbildenden, differenzierenden Wahrnehmung. Dies erklärt die unbestreitbar vorhandene relative Autonomie des sozialen Handelns der Individuen ebenso wie die strukturelle Notwendigkeit, daß diese relative Autonomie auch massenhaft zur Bewußtlosigkeit gegenüber der eigenen Klassenlage führt. Das hebt aber wiederum die Bedeutung der Ökonomie hervor, die diese Form der Autonomie fundamentiert. Und zwar als eine hauptsächlich den Interessen der herrschenden Klasse dienende Komplizenschaft zwischen Kapital und Arbeit.

Es erweist sich, daß die Erkenntnisse kritischer Theorie - ausgehend von den Resultaten der politischen Ökonomie - modifiziert immer noch evident sind: Der Sozialcharakter ist abhängig von den sozioökonomischen Lebensverhältnissen. Und die kapitalistische, spätbürgerliche Gesellschaft bietet nur wenigen ihrer Mitglieder die Chancen und Bedingungen, eine starke Ich-Identität auszubilden. Ein Individuum zu werden, das gesellschaftliche Normen souverän handhaben kann. Das nur solche Autoritäten und Handlungseinschränkungen akzeptiert, denen es durch seine eigene Vernunft zustimmen kann.

Der fromme Wunsch einer Nivellierung der Klassengesellschaft und eines Aufweichens der gegensätzlichen Klasseninteressen durch Veränderung der Produktionsverhältnisse und Verflachung der Entscheidungs- und Leitungspyramiden (Zauberwort "Lean Production") hegte einstmals schon Helmut Schelsky. Gerade neuere empirische Untersuchungen legen jedoch die Bezeichnung "Klassengesellschaft" weiterhin nahe (nachzulesen z. B. bei Max Koch: Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 1994). Sie weisen auf ernüchternde Stabilität der Ungleichheitsrelationen kapitalistischer Gesellschaften hin. Unterstrichen wird dies auch dadurch, daß im Osten der BRD keine stabilen sozialen Strukturen, also auch keine "Klassen" erkennbar sind.

Hat der Mensch die primären und sekundären Sozialisationsinstanzen durchlaufen, halten ihn seine jeweiligen sozioökonomischen Lebensverhältnisse wie eine Zwangsjacke. Die Mobilitätsmuster weisen hier sogar auf eine Abschottung zwischen den sozialen Klassen ab einem bestimmbaren Alter hin: Nach dem 30. Lebensjahr findet eine Mobilität praktisch überhaupt nicht mehr statt. Bourdieus Begriff der "Klassenlaufbahn" behält seine Aktualität.


Zuerst veröffentlicht unter dem Titel "Kritisches Staubwischen ist Klasse" in: junge welt, 22. Juni 1995, S. 15 (leicht geänderte Fassung).